„Kindheit in Lateinamerika − Zwischen Herausforderungen und Träumen“ von Julia Büchsenschütz
Lateinamerika ist durch seine kulturelle und natürliche Vielfalt, aber auch noch immer durch extreme Armut und soziale Verwerfungen geprägt. Den Schüler*innen soll die Lebenswelt von Kindern anhand zweier Kurzfilme nahegebracht werden.
Spanischunterricht und Landeskunde
Das Interesse an der spanischen Sprache hat an den Schulen in den letzten Jahren zugenommen. Im hessischen Lehrplan für Spanisch werden als Ziele die sprachlichen und kommunikativen Fertigkeiten sowie die Landeskunde genannt. Im Unterrichtsfach Spanisch wird wegen des Ursprungs der Sprache und der Nähe zu Spanien vorwiegend die Landeskunde Spaniens vermittelt, aber auch die verschiedenen Kulturen und Besonderheiten Lateinamerikas werden aufgegriffen.
Allen Ländern Lateinamerikas den entsprechenden Raum zu geben, ist dabei nicht möglich. Jedoch gibt es in den lateinamerikanischen Gesellschaften Parallelen, die dargelegt werden können. Beispielhaft werden den Schüler*innen so kulturelle Besonderheiten und soziale Probleme Lateinamerikas vermittelt. Dabei sollten nicht nur die sozialen Herausforderungen im Unterricht behandelt, sondern neben den Klischees und Stereotypen auch weniger bekannte Aspekte herausgearbeitet werden.
Ein Thema von großer sozialer Wichtigkeit ist der Alltag der Kinder in Lateinamerika, die sich unzähligen Herausforderungen stellen müssen. Die sichtbaren Probleme der Straßenkinder lassen die Ungleichheit in den lateinamerikanischen Gesellschaften deutlich werden. Es soll jedoch in diesem Unterrichtsentwurf nicht nur von den Straßenkindern die Rede sein; der Blick richtet sich auch auf eine Familiendynamik, die nicht auf Lateinamerika zu beschränken ist und sich in jedem Umfeld findet — die Erziehungsgewalt.
Die beiden ausgewählten Kurzfilme begleiten zwei Kinder, deren Lebenswelten geradezu gegensätzlich erscheinen und an denen auch die verschiedenen Erwartungen der lateinamerikanischen Gesellschaften an Mädchen und Jungen deutlich werden. Es handelt sich um den fiktionalen, in Mexiko angesiedelten Kurzfilm „Quiero ser“ von Florian Gallenberger aus dem Jahr 2000 und den argentinischen Dokumentarfilm „La Reina“ von Manuel Abramovich aus dem Jahr 2013.
Ein Blick in andere Lebenswelten
Interkulturelle Kompetenzen sind wichtige Bestandteile der Lernziele des Fremdsprachenunterrichts und werden im Hessischen Kerncurriculum wie folgt definiert: „Lernende erschließen die in fremdsprachigen und fremdkulturellen Texten enthaltenen Informationen, Sinnangebote und Handlungsaufforderungen und reflektieren sie vor dem Hintergrund ihres eigenen kulturellen und gesellschaftlichen Kontextes“ (Hessisches Kultusministerium Kerncurriculum Spanisch, S. 15).
Neben dem Interesse an der Sprache soll auch ein Interesse an Ländern und Kulturen geweckt werden. Um das Leben in Lateinamerika kennenzulernen, bietet sich
das Thema der Infancias latinoamericanas an. Patricia Redondo schreibt in ihrem Artikel über die Kindheit in Lateinamerika, dass das Betrachten der Situation der Kinder eines Landes die eigene menschliche Kondition beleuchtet und zeigt, wie sich die menschliche Existenz definiert. Sie meint weiter: „La situación de la infancia latinoamericana muestra con crudeza una profunda desigualdad social que produce efectos traumáticos y singulares en las nuevas generaciones“ (Redondo, 2015, S. 155).
Außerdem sind die in Lateinamerika geborenen Kinder ihr zufolge teilweise schon von Geburt an so benachteiligt, dass sie diese ungerechte Ausgangslage nie mehr aufholen können. Bildung ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Thema und sie im Unterricht zum Thema zu machen, liegt nahe. Dass in Lateinamerika nicht alle Kinder Zugang zu Bildung haben, ist noch immer ein Problem, welches auf sozialer Ungleichheit beruht. Neben großer Armut gibt es aber auch den extremen Reichtum. Man kann von Parallelgesellschaften sprechen, die jeweils sehr eigene Probleme haben.
Die Armut in Lateinamerika ist für Besucher*innen aus einem europäischen Land direkt wahrnehmbar. Eine Studie der Vereinten Nationen belegt, dass die extreme Armut in Lateinamerika mit 12,5 Prozent den höchsten Stand in den letzten zwei Jahrzehnten erreicht hat, ein historischer Rückschlag für diese Region (Poonal, 2021).
Bereits 1986 schreibt Kent Klich, ein schwedischer Fotograf, bei seinem Besuch in Mexiko-Stadt:
Acabo de llegar al centro urbano más grande que el mundo jamás haya conocido (…) en las calles me encuentro con muchos niños, casi todos entre 5 y los 15 años. La mayoría tiene algún tipo de familia, pero han sido obligados a salir a la calle a buscarse alguna forma de sustento para sí mismo y el hogar (…). Los niños de la calle no son el problema; las familias en crisis sí lo son. (Torres, 2005, S. 293)
Der Fotograf begleitet für sein Buch „El Niño. Niños de la calle, Ciudad de México” zehn Jahre lang Straßenkinder. Auch Elena Poniatowska schreibt über diese Kinder; sie möchte ihnen eine Stimme geben. Dabei konzentriert sie sich auf die Einsamkeit, die Vernachlässigung und die Schutzlosigkeit. Dabei unterscheidet sie zwischen Jungen und Mädchen: „Ser pobre y ser niño hoy en América Latina constituye una doble desgracia; ser pobre y ser niña una triple desventura“ (zit. n. Torres, 2005, S. 301). Die Kinder sollen mehr als eigenständige Menschen wahrgenommen werden und weniger als passive Elemente der Gesellschaft. Sie werden nicht nur von ihren eigenen Familien verlassen und ausgeschlossen, sondern auch vom Sozialsystem (Torres, 2005, S. 300).

Die Auffassung, dass Kinder soziale Akteure sind, wird auch in Bezug auf die Forschung der Kindheit und der Kindheitsrechte in Lateinamerika deutlich. Der Begriff protagonismo infantil wird in diesem Zusammenhang verwendet:
Das Denken über Kinder als Subjekt ist in Lateinamerika verknüpft mit dem Konzept von Kindern als Rechtsträger und Akteure sozialen Wandels. Die grundlegende Frage im Hinblick auf das Thema „Kindheit, Jugend und sozialer Wandel“ bezieht sich demzufolge insbesondere auf die Akteurschaft und damit die Handlungsfähigkeit von Kindern: Ob und in welcher Form spielen sie eine aktive Rolle im sozialen Wandel? (Himmelbach, 2013, S. 238)
Sich im Unterricht mit der Thematik der Kindheit in Lateinamerika auseinanderzusetzen und einen Einblick in verschiedene Lebenssituationen von Kindern zu geben, ist ein Schritt, um ein Land und eine Kultur kennenzulernen. Dabei sollte auf jeden Fall ein Vergleich mit der Situation der Kinder im eigenen Land gezogen werden: „Im Jahr 2024 galten in Deutschland 14,4 Prozent der Kinder unter 18 Jahren als armutsgefährdet“ (Statista, 2024).
Kurzfilme im Sprachunterricht
Kurzfilme im Unterricht einzusetzen, ist bei Lehrkräften und Schüler*innen beliebt und pädagogisch gut zu begründen. Filme oder visuelle Medien allgemein aktivieren unsere Gefühle, ohne dass ein bestimmtes Vorwissen oder Fachwissen gegeben sein muss. Wie Holger Twele in seiner Anleitung zum Unterricht mit Kurzfilmen erklärt, gibt es kaum ein Schulfach, in dem sich Kurzfilme nicht einbeziehen lassen:
Besonders geeignet sind Kurzfilme für die Entwicklung kommunikativer, sozialer und interkultureller Kompetenzen. Und dazu gehören neben der Anregung der kindlichen Fantasie auch die Überwindung von Ängsten, Ausgrenzung und Vorurteilen bis hin zur Inklusion. (Twele, 2018)
Die Schüler*innen können beim Schauen von Kurzfilmen in einer anderen Sprache außerdem typische Mimik und Gestik wahrnehmen, sich auf Details im Umfeld konzentrieren und Unterschiede auf verschiedenen Ebenen erkennen. Sie nehmen, so Twele, Verbales und Nonverbales wahr.
Annemarie Meier erklärt, was die besondere Eigenschaft von Kurzfilmen ist, woran deutlich wird, warum sie im Unterricht und vor allem im Sprachunterricht sinnvoll einsetzbar sind:
Los cortos que se basan en el principio de “decir más con menos”, o sea, de reducir al mínimo la historia y los elementos audiovisuales con los que se construyen un significado, hacen uso de sus símbolos y metáforas que comparten tanto el realizador como el espectador. (Meier, 2013, S. 35)
Der Kurzfilm gibt einen Anlass, über etwas zu sprechen. Er kommt oftmals ohne viel Sprache aus, wie Meier unterstreicht: „La economía de medios que caracteriza al cortometraje conduce a una densificación y abstracción en la que importa más mostrar que narrar“ (2013, S. 30). Das Seh-Verstehen ergibt sich laut Eva Leitzke-Ungerer „aus der komplexen Interaktion zwischen dem kulturell geprägten Welt- und Erfahrungswissen des Betrachters (…), seinen Einstellungen und Erwartungen einerseits und den im Bild zum Ausdruck kommenden kulturellen Vorstellungen und Codes andererseits“ (2012, S. 13).
Sie erkennt weiterhin, dass das Zusammenwirken von Bild, Sprache und Ton ein Vorteil für das Verstehen ist, denn was sprachlich nicht verstanden wird, wird durch Geräusche, Musik und Bild vermittelt (Leitzke-Ungerer, 2012, S. 12).
Wichtig ist die Auswahl der Kurzfilme und die Nähe an der Lebenswirklichkeit der Lernenden was ihre Probleme, Wünsche und Sehnsüchte betrifft:
Dem Film gelingt es damit vermutlich noch besser als dem literarischen Text, die Illusion von Wirklichkeit zu erzeugen, den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen, ihn zum Lachen und zum Weinen zu bringen. Wenn etwas aber so intensiv erlebt wird wie ein Film und wenn die Themen des Films für die Schüler von Bedeutung sind, dann besteht bei ihnen auch das Bedürfnis, über das Erlebte und das Gesehene zu sprechen oder zu schreiben. (Leitzke-Ungerer, 2012, S. 14)
Audiovisuelle Medien bieten, wie Leitzke-Ungerer weiter ausführt, in vielerlei Hinsicht eine gute Einsatzmöglichkeit im Unterricht und nicht zuletzt sind auch die interkulturellen Kompetenzen auszuschöpfen:
Interkulturelles Lernen umfasst darüber hinaus auch die kritische Auseinandersetzung mit der im Film konstruierten fiktionalen Welt und die Fähigkeit zur Reflexion über kulturelle Ähnlichkeiten und Unterschiede sowie über Phänomene kultureller Hybridisierung. (Leitzke-Ungerer, 2012, S. 15)
In den meisten Fällen sind die Filme in der Zielsprache des Unterrichts auch authentische Produkte der Zielkultur und die Lernenden können der Zielkultur auf einer Weise begegnen, die ihnen sonst nicht möglich wäre. Nicht zu vergessen ist, dass die heutige Jugend von visuellen Medien geprägt ist. Es gibt unzählige audiovisuelle Formate, die den Schüler*innen vertrauter sind als Kurzfilme. Der Einsatz von Kurzfilmen führt die Schüler*innen also aus ihrer alltäglichen visuellen Welt in die der visuellen Kunst.
„Quiero ser“
Der Kurzfilm „Quiero ser“ von Florian Gallenberger ist eine deutsch-mexikanische Produktion aus dem Jahr 2000, der in spanischer Sprache gedreht wurde und in Mexiko-Stadt spielt. Der Kurzfilm hat eine Länge von 35 Minuten und erzählt rückblickend die Geschichte von zwei Brüdern, die sich als Straßensänger durchschlagen. Der Jüngere der beiden, Juan, ist ein geschickter Rechner und kann gut verhandeln. Sein älterer Bruder ist weniger gewandt und trifft Entscheidungen, ohne an die Folgen zu denken. Beide sparen ihr Geld, um später in ein Geschäft zum Verkauf von Luftballons zu investieren. Da Jorge sich in ein Mädchen verliebt, stiehlt er von dem gesparten Geld der Brüder 20 Pesos, um mit ihr essen zu gehen. Juan erkennt den Diebstahl und verzeiht seinem Bruder nicht. Er verlässt ihn und schafft es, wie die in der Gegenwart angesiedelte Rahmenhandlung zeigt, ein erfolgreicher Geschäftsmann zu werden. Sein Bruder Jorge sitzt weiterhin, nun erwachsen, am Straßenrand und singt für seinen Lebensunterhalt. Sein Leben hat sich nicht verändert.
Der Kurzfilm hinterlässt ein Gefühl der Beklemmung. Das positive Beispiel von Juans Lebensweg gibt Hoffnung, dass sich der Junge mit seiner Intelligenz und Zielstrebigkeit aus der Misere befreien konnte. Jorge hingegen, der seine Chance auf ein besseres Leben durch eine impulsive Tat verwirkt hat, erzeugt ein Gefühl von Mitleid, so ist er doch scheinbar nur Opfer seiner selbst. Dass sie Brüder sind, macht die Situation umso beklemmender: Juan, mit seiner Entscheidung, sich von dem älteren Bruder abzuwenden, wirkt sehr hart.
Der Kurzfilm lässt vermuten, dass die Menschen aus eigener Verantwortung auf der Straße bleiben. Diesem Gedanken sollte bei der unterrichtlichen Bearbeitung des Films unbedingt kritisch begegnet werden. Außerdem ist in jedem Fall zu vermitteln, dass Juans Lebensweg in der realen Welt die große Ausnahme ist.
Der Film bietet einige Gesprächsanlässe, da es auf persönlicher Ebene viele Themen gibt, die den Schüler*innen nah sind: Geschwister, Wünsche, Verliebtsein, Vertrauen, Ziele. In Bezug auf die Thematik dieser Kinder in Lateinamerika wird deutlich: Es gibt keine Eltern, die Brüder sind auf sich gestellt und haben kein Zuhause. Sie leben mit den Sorgen von Erwachsenen, kümmern sich dabei noch um einen Hund und bilden zu dritt eine Art Familie. Die Brüder, die von den Eltern verlassen und enttäuscht wurden, haben weiterhin Vertrauen in die Erwachsenen und bemühen sich, von ihnen angenommen zu werden. Von den Erwachsenen, denen sie begegnen, werden die Brüder jedoch nicht ernst genommen und es besteht ein großes Misstrauen ihnen gegenüber; auch die Gleichaltrigen grenzen sie aus, da sie auf der Straße leben. Der Titel „Quiero ser“ drückt genau das aus: Es ist der Wunsch, in der Gesellschaft jemand zu sein, zu existieren, wahrgenommen zu werden.
„La Reina“
„La Reina“ ist ein dokumentarischer Kurzfilm aus dem Jahr 2013 mit einer Dauer von 19 Minuten. Der argentinische Regisseur Manuel Abramovich begleitet das Mädchen Maria, genannt Memi, in den Vorbereitungen, um die Königin des Karnevals zu werden.
Die Kamera bleibt meist statisch und fängt die Bewegungen und Bilder ein, die vor der Kamera auftauchen. Oftmals verlässt die Protagonistin dabei das Bild, ist nur halb zu sehen oder man sieht ein Close-up. Dabei bleibt die Tonspur real, man hört Stimmen, Geräusche, und die Erzählungen der Mutter mischen sich mit den Hintergrundgeräuschen.
Im Vergleich zu dem Kurzfilm „Quiero ser“ sieht man hier eine andere Lebenswelt: Die Familie des Mädchens ist gut situiert, spielt Tennis in einem Tennisclub, schwimmt, spielt Hockey, die Sorgen der Mutter reduzieren sich auf die Erfolge der Tochter, andere Probleme gibt es — scheinbar — nicht. Das Mädchen ist während des gesamten Kurzfilms passiv, fügt sich immer in die Pläne der Mutter ein, akzeptiert deren Wünsche und lebt deren Ziele. Die Gesichter der Erwachsenen erschein
erscheinen nie, nur ihre Stimmen und Gesten sind präsent. Man sieht ihre Hände, wie sie an Marias Kopf Dinge befestigen, ihr Schmerzen zufügen und dabei weiter in einer monotonen Stimme alles kommentieren. Das Mädchen reagiert auf Ansprachen und Fragen kaum, sie beschwert sich hin und wieder, wird jedoch nicht wahrgenommen. Auch Maria kämpft darum, wahrgenommen zu werden.
Diese Welt ist in vielen Ländern Lateinamerikas die Realität einiger Kinder. Die Gesellschaft ist gespalten, der Unterschied zwischen arm und reich sehr groß. Statussymbole wie Autos, Häuser, Kleidung sind wichtig. Bei Frauen hat die Schönheit einen besonderen Wert, bietet diese ihnen doch die Möglichkeit für einen sozialen Aufstieg.
Die Schüler*innen gewinnen bei Maria einen Einblick in die Welt der wohlhabenden Familien Lateinamerikas. Die Probleme des Mädchens sind sicherlich teilweise für die Schüler*innen in Deutschland nachvollziehbar: Eltern, die das Leben der Kinder bestimmen, eigene Träume über ihre Kinder verwirklichen wollen und dabei nicht nach den Wünschen und Gefühlen ihrer Kinder fragen, gibt es überall auf der Welt.

Begegnungen mit den Protagonist*innen
Schüler*innen, die Spanisch in der Schule wählen, werden sicherlich eines Tages Interesse an Kontakten zu Menschen aus Lateinamerika haben und den Kontinent besuchen. Unabhängig davon ist interkulturelle Bildung ein wichtiger Teil der schulischen Bildung und des Fremdsprachenunterrichts.
Die Schüler*innen für das Leben der Kinder dort zu sensibilisieren, gibt einen Einblick in die Länder Lateinamerikas. Es ist möglich, durch diesen Einblick die allgemeine Situation des jeweiligen Landes besser zu verstehen und die Herausforderungen auf politischer und sozialer Ebene zu erkennen. Das Thema der Straßenkinder in Entwicklungsländern ist für die meisten Schüler*innen nicht neu. Im Kontrast dazu soll hier das Leben des Mädchens stehen, welches an einem Wettbewerb teilnimmt, in dem sie wie eine Puppe agiert. Davon ausgehend könnte ebenso das Bild von Frauen in lateinamerikanischen Gesellschaften im Unterricht thematisiert werden.
Der Unterrichtsentwurf ist gedacht für Schüler*innen, die sich im zweiten bzw. dritten Lernjahr befinden. Da es sich bei den meisten Lerngruppen nicht um homogene Gruppen handelt und es auch Schüler*innen gibt, die schon mehr Spanisch sprechen oder Muttersprachler*innen sind, ist die Sequenz so aufgebaut, dass bei den Aufgaben jeder nach seinen Kenntnissen arbeiten kann. Sprachlich werden in dieser Unterrichtsstunde die Schüler*innen selbst schriftlich und mündlich aktiv. Sie arbeiten allein, zu zweit und im Klassenverband.
Das Thema der Kindheit in Lateinamerika wird mit dieser Unterrichtsstunde eingeführt. Die beiden Kurzfilme wurden von den Schüler*innen noch nicht gesehen.
Es hat sich bewährt, „vor einem Kurzfilm allenfalls Erwartungshaltungen und Assoziationen zum Titel oder einem Filmbild abzufragen und im Anschluss einen ungestörten ersten Filmgenuss zu gewährleisten“ (Twele, 2018).
Die Arbeit mit Kurzfilmen bietet mehrere Phasen. In dieser Einheit soll die Erwartungshaltung aufgebaut werden; im Folgenden werden Unterrichtsstunden stattfinden, in denen es um die while-viewing-Phase und die post-viewing-Phase geht, wie Leitzke-Ungerer die Phasen benennt:
[…] die pre-viewing-Phase dient dem Aufbau von Erwartungshaltungen und der Aktivierung von sprachlichem, kulturellem oder filmbezogenem Vorwissen; in der while-viewing-Phase erfolgt die analytische und kreativ-produktive Auseinandersetzung mit dem Film, seinen Themen und seiner künstlerischen Form; in der post-viewing-Phase steht die Gesamtdeutung im Vordergrund. (2012, S. 20)
Es werden zwei Fotos gezeigt: ein Screenshot aus dem Kurzfilm „La Reina“, auf dem man die Protagonistin sehen kann. Es ist ein Close-up eines Mädchens von etwa 10 bis 12 Jahren; man erkennt, dass sie geschminkt ist, ihr Gesichtsausdruck ist ernst und angespannt. Der andere Screenshot zeigt im Dunklen einen etwa 8-jährigen Jungen auf dem Boden vor einem Restaurant sitzend, neben ihm ein Hund. Er schaut zu Boden, sein Gesichtsausdruck ist nicht zu erkennen.
Die Fotos werden, ohne die Titel der Filme zu nennen, besprochen und es wird erklärt, dass sie aus Kurzfilmen stammen, die in den nächsten Stunden gezeigt werden.
Im Anschluss betrachten die Schüler*innen die Fotos und schreiben Wörter oder Sätze auf, die zu den Fotos passen (s. dazu M1). In der nächsten Aufgabe sollen die Schüler*innen Gemeinsamkeiten und Unterschiede notieren. Nach dieser individuellen Aufgabe sollen die Ergebnisse nun mit einem Partner verglichen und ergänzt werden. Hier besteht die Möglichkeit, sich auch auf Deutsch auszutauschen.
Es stehen außerdem zwei Aufgaben zur Auswahl (M2). Je nach sprachlichen Voraussetzungen können die Schüler*innen entscheiden, welche Aufgabe ihnen mehr liegt; es können auch beide Aufgaben bearbeitet werden.
Die Schüler*innen stellen sich vor, dass sie Maria oder Juan begegnen und schreiben nun einen Dialog. Es können beispielsweise Fragen nach Alter, Herkunft, Familie etc. gestellt werden. So kann der Dialog mit einer eigenen Präsentation beginnen und die Antworten werden erfunden. In der Aufgabe kommen beide Realitäten ins Spiel und es entsteht eine Gegenüberstellung der verschiedenen Lebenswelten. Ziel ist es, sich in die Kinder hineinzuversetzen und Geschichten zu erfinden, die zu den Fotos passen. Möglich ist es auch, die Begegnung von Juan und Maria in einem Dialog zu erarbeiten; somit können die Gegensätze der beiden noch deutlicher werden. Es gibt keinen konkreten Erwartungshorizont seitens der Lehrkraft. Vielmehr soll das Thema offen angegangen und das Interesse an den Kurzfilmen geweckt werden.
So haben die Schüler*innen in den nächsten Stunden, in denen die Kurzfilme geschaut werden, schon eine Erwartungshaltung und können das Gesehene auf etwas
Persönliches beziehen, da sie sich schon mit den Figuren auseinandergesetzt haben. In den weiteren Stunden könnte man die Gruppe aufteilen und jede Gruppe schaut und beschäftigt sich mit nur einem Kurzfilm. Geschwister, Familie, Wünsche, Träume und soziale Möglichkeiten sind Themen, die erarbeitet werden können. Diese Themen sollten mit aktuellen Informationen des Landes in Bezug gesetzt werden. Das Thema der sozialen Gegensätze kann in dem chilenischen Film „Machuca, mein Freund“ von Andrés Wood aus dem Jahr 2004 vertieft werden. Der in den 1970er Jahren, während der letzten Monate der Allende-Regierung und um den Militärputsch von 1973 angesiedelte Film verdeutlicht die aus sozialer Ungleichheit entstehenden Konflikte.
Wandel und Wachstum
Das Thema Kindheit in Lateinamerika hat für das interkulturelle Lernen viel Potenzial. Es in der Mittelstufe einzuführen und in den späteren Jahrgangsstufen wieder aufzugreifen, kann daher sinnvoll sein. Je älter die Schüler*innen werden, desto mehr Wissen haben sie zu sozialen Zusammenhängen und Strukturen. Auch die Rolle der Frau könnte dann aufgegriffen werden. Es gibt viele aktuelle Nachrichten, Kurzfilme oder auch Telenovelas, die sich anbieten, um diese Themen genauer zu betrachten.
Dabei ist es auf jeden Fall angebracht, die eigene Kindheit und die Situation von Kindern in Deutschland wahrzunehmen. Selten wird thematisiert, dass es auch hier viele Kinder gibt, die in problematischen Verhältnissen leben.
Lateinamerika ist in vielerlei Hinsicht stetig im Wandel und im Wachstum. Man kann viele Veränderungen beobachten, wenn man die letzten 20 Jahre betrachtet. Somit ist zu hoffen, dass sich in Bezug auf die Situation der Kinder und der Frauen vieles verändern und verbessern wird. Das Thema wird aktuell bleiben.
Kurzfilme
- Abramovich, M. (2013). La Reina. Argentinien.
- Gallenberger, F. (2000). Quiero ser. Mexiko/Deutschland. Hochschule für Fernsehen und Film München, Indigo Filmproduktion, Cine Cam-Horst Knechtl.
Bibliografie
- Hessisches Kultusministerium. Lehrplan Spanisch. https://kultus.hessen.de/sites/kultus.hessen.de/files/2021-07/kcgo-sp_gymnasiale_oberstufe.pdf
- Himmelbach, N. (2013). Kindheit, Jugend und sozialer Wandel: Gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen für die internationale Kindheits- und Jugendforschung. Diskurs Kindheits- und Jugendforschung / Discourse. Journal of Childhood and Adolescence Research, 8(2), S. 237 – 241.
- Leitzke-Ungerer, E. (2012). Film im Fremdsprachenunterricht. Literarische Stoffe, interkulturelle Ziele, mediale Wirkung. ibidem-Verlag.
- Meier, Annemarie (2013). El cortometraje: el arte de narrar, emocionar y significar. Universidad Autónoma Metropolitana.
- Poonal (03.06.2021). Extreme Armut in Lateinamerika erreicht höchsten Stand seit Jahrzehnten. https://amerika21.de/2021/06/251012/extreme-armut-lateinamerika-hoechststand (Zugriff: 19.01.2025)
- Redondo, P. (2015). Infancia(s) Latinoamericana(s), entre lo social y lo educativo Espacios en Blanco. Revista de Educación, 25, S. 153 – 172.
- Statista. (21.02.2025). Armutsgefährdungsquote von Kindern in Deutschland bis 2024. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/785520/umfrage/armutsgefaehrdungsquote-von-kindern-in-deutschland/ (Zugriff: 27.11.2024)
- Torres, A. (2005). Visibilizar, acompañar, crear lazos en el libro fotográfico El Niñ Niños de la calle, Ciudad de México. In: B. Potthast (Eds.). Entre la familia, la sociedad y el Estado. Niños y jóvenes en América Latina (siglos XIX-XX) (S. 289 – 309). Biblioteca Ibero-Americana.
- Twele, H. (2018). Einführung Kurzfilme im Unterricht. Eine Anleitung für die Praxis. https://www.kinofenster.de/themen-dossiers/alle-themendossiers/dossier-kurzfilme-fuer-kinder/dossier-kurzfilme-fuer-kinder-einfuehrung/ (Zugriff: 27.03.2024)
Zur Autorin

Julia Büchsenschütz studierte Kommunikationswissenschaften in Guadalajara, Mexiko. Derzeit beendet sie in Frankfurt den Lehramtsstudiengang L3 für das Gymnasium mit den Fächern Spanisch und Deutsch.
