„Digitale Lesespuren: Texterschließung im zeitgemäßen Spanischunterricht“ von Johanna Pimpi-Zadeh
Digitale Lesespuren bieten die methodische Möglichkeit, Differenzierung bei der Förderung der Texterschließung umzusetzen und dabei authentische Materialien der Zielsprache einzubringen. Durch die Kombination von Texten, interaktiven Aufgaben und multimedialen Inhalten können Lehrkräfte zur Stärkung der Medienkompetenz von Lernenden beitragen, übernehmen dabei selbst eine lernbegleitende Funktion und schaffen so eine schülerzentrierte Lernumgebung.

Aufbau und Erstellung einer Lesespur
Lesespuren sind aus vielfältigen Fachrichtungen als bewährte Methode dafür bekannt, örtliche und visuelle Informationen mit Inhalten zu verknüpfen. Sie bestehen aus einem Hintergrundbild, das eine Karte oder auch sonstige geeignete Lernszenarien wie beispielsweise einen Markt zeigt. Auf diesem Hintergrundbild werden verschiedene Stationen verankert. Bei jeder Station erschließen die Lernenden einen Text-, Bild- oder Film- ‚Happen‘ und werden nach Abschluss einer entsprechenden Aktivität durch eine logische Verknüpfung zur nächsten Station verwiesen. Es wird ein Beispiel zur Verfügung gestellt[1], das sich in Bayern in der zehnten Klasse (3. Lernjahr) einsetzen lässt. Die Lesespur beginnt am Flughafen von Ciudad de México und führt im Anschluss zu relevanten Orten, die Charakteristika des Lebens in der Großstadt beleuchten.

Für alle Lernplattformen wie Mebis, die üblicherweise an bayerischen Schulen genutzt wird, bieten sich zur Erstellung von Lesespuren am besten die Anwendung h5p an. Hier geht man wie im folgenden Ablauf dargestellt vor. Weitere geeignete (teils kostenpflichtige) Tools sind Thinglink und Learning-Apps.

Eine bekannte Herausforderung bei der Erstellung von Unterrichtsmaterial ist auch bei den Lesespuren die Auswahl passender Bilder, da diese lizenzfrei oder für die jeweilige Art der Verwendung zur Genehmigung freigegeben sein müssen. Bei dem im Serviceteil des bayerischen Lehrplans vom ISB für die 13. Klasse (spätbeginnend) zur Verfügung gestellten Beispiel einer Lesespur wurde unter anderem auf gängige Plattformen wie Wikimedia oder Pixabay zurückgegriffen, wo gängige Suchbegriffe in der Regel zu einer Auswahl an geeigneten Treffern führen. In diesem Fall handelt es sich um einen recorrido por el Cono Sur und damit um ein sehr umfangreiches Modell, das veranschaulicht, wie Lesespuren für die Verknüpfung von Informationen über Ländergrenzen hinweg genutzt werden können.

Bei der Erstellung von Lesespuren über die kostenlos bei Mebis verfügbare Funktion h5p kann die jeweilige Lizenz einfach entsprechend aus einem Drop-Down Menü ausgewählt werden.

Differenzierung durch individualisierte Lernerfahrungen
Digitale Lesespuren ermöglichen Lernenden, bei der Texterschließung selbst aktiv zu werden und dabei individuelles Feedback zu erhalten. Mit Hilfe von h5p können beispielsweise Drag and Drop Aktivitäten erstellt werden, die zur Semantisierung neuer Vokabeln beitragen. Die Lernenden erhalten hier direktes Feedback und können fehlerhafte Zuordnungen anschließend selbständig richtig verknüpfen. So erhalten leistungsschwächere Lernende mehrere Chancen, sich selbst zu verbessern und auf Stützmaterial zuzugreifen, während leistungsstärkere Lernende dieses Angebot möglicherweise nicht benötigen. Es wird eine positive Fehlerkultur gefördert, da die Lernenden keine negative Reaktion aus dem Plenum befürchten müssen. Optionale Lernangebote zur Wiederholung oder Vertiefung des Gelernten bieten denjenigen, die die Lesespur schneller durchlaufen haben eine Möglichkeit, die gewonnene Zeit sinnvoll zu nutzen. So entsteht keine überflüssige Wartezeit, bis alle Lernenden das Mindestmaß erfüllen. Beispielsweise können mit der h5p-Aktivität Dialog Cards abschließend digitale Vokabelkärtchen angeboten werden, sodass sich die Wiederholung des neu eingeführten Vokabulars nahtlos anschließt.

Multimediales Material als Fenster zur Realität der Zielkultur
Digitale Lesespuren können mit authentischen Materialien wie Posts auf sozialen Medien, Audiospuren oder Videos aus der Zielkultur versehen werden. Durch diese Verbindung zu authentischen kulturellen Eindrücken werden zeitgemäße Lernaktivitäten motivierend gestaltet. Zum Beispiel bietet sich in der 8. Klasse bei der Lesespur zur Erkundung Madrids eine Verlinkung zur echten Audiospur einer U-Bahn Ansage zur nächsten Station an. Das Klassenzimmer rückt so einen Schritt näher an eine immersive Lernumgebung heran und ein auditives Signal gibt der lernbegleitenden Lehrkraft im gleichen Zug Rückmeldung über den Fortschritt der Lernenden. Auch bereits bestehende digitale Lernangebote wie LearningApps können hier kontextuell eingebettet und verlinkt werden.

Am Beispiel einer Hörverstehensaufgabe im Rahmen der Lesespur zum Cono Sur wird deutlich, dass Spezifika der Varietäten des Spanischen mit Hilfe von Lesespuren interkulturell und geografisch eingebettet durch die Lernenden erschlossen werden können.

Der Spanischunterricht als Blaupause zur Förderung von Medienkompetenz und Schülerzentrierung als zeitgemäße und fächerübergreifende Bildungsziele
Im Klassenzimmer des Spanischunterrichts können Lehrkräfte mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass den Kindern und Jugendlichen Basiskompetenzen der Medienbildung wie die Handhabung von Hard- und Software bekannt sind. Im Vergleich zur ersten erlernten Fremdsprache sind die Lernenden im Fach Spanisch, das in Deutschland in aller Regel frühestens als zweite Fremdsprache gewählt wird, in einer zunehmend digitalisierten Welt bereits mit grundlegenden Funktionen und Prinzipien von Medienangeboten vertraut. Je nach ihren konkreten Vorkenntnissen stellt diese Voraussetzung für den Spanischunterricht Potential und Auftrag zugleich dar.
Lesespuren sind aufgrund ihres intuitiven Aufbaus auch für Lernende ohne große Vorkenntnisse niedrigschwellig zugänglich. Sie folgen dem Prinzip einer Schatzkarte, auf der ein Pfad verfolgt wird. Aus bekannten analog gemachten Erfahrungen sollte die digitale Darstellung davon für die meisten Lernenden bloß eine digitale Weiterentwicklung sein. Sie klicken sich also durch Stationen, die dann jeweils eine konkrete Handlungsanweisung für sie vorgeben, ähnlich wie sie es von einer Schnitzeljagd kennen. Diese Handlungsanweisungen sollten nun aber auch mediale Inhalte mit dem Erwerb komplexerer Kompetenzen (Mebis, 2019) verknüpfen. Im Gegensatz zum privat häufig üblichen Gebrauch von Massenmedien und Kurzvideos erfordern die Stationen der Lesespur eine Analyse und Reflexion der Inhalte. Durch didaktische Anschlusskommunikation verknüpfen die Lernenden die erarbeiteten Inhalte mit dem Erwerb von Kommunikationsfähigkeit und der Erkenntnis der Relevanz medialer Inhalte in der realen Welt. Im bereits vorgestellten Beispiel zum Cono Sur wird beispielsweise eine Statistik ausgewertet, woraufhin im Anschluss Ergebnisse reflektiert werden.
Fazit
Lesespuren knüpfen an die Lebensrealität junger Menschen an, werden jedoch auch dem Anspruch gerecht, komplexere Medienkompetenzen zu fördern und dabei die Selbständigkeit der Lernenden zu steigern. Da die Lehrkraft in dieser schülerzentrierten Unterrichtssituation eine lernbegleitende Funktion erfüllt, werden Kapazitäten frei, um Lernende zu unterstützen, die damit noch besondere Schwierigkeiten haben. Darüber hinaus ist bei geeigneten Voraussetzungen der Lerngruppe auch eine Erarbeitung der Lesespur nach dem didaktischen Konzept des Flipped Classroom[2] denkbar, sodass die Unterrichtszeit in Präsenz noch stärker für Übung, Austausch und offene Fragen genutzt werden kann.
Endnoten
[1] Die erstellte Lesespur ist für alle Lehrkräfte mit Mebis-Zugang im Kurs „Lesespuren Spanisch Sammlung“ zu finden. Der Einschreibeschlüssel lautet quieroleer. Es findet sich dort ein weiteres Beispiel für die 8. Klasse zum Thema Madrid.
[2] Unter dem didaktischen Ansatz des Flipped Classroom versteht man nach Kim et al. (2014) die Auslagerung von Aktivitäten aus dem Klassenzimmer, die in Einzelarbeit von Lernenden erledigt werden können. Während diese nicht zwingend Beaufsichtigung oder Betreuung erfordern, bleibt beim Zusammentreffen der Lernenden im Unterricht mehr Raum für echte Interaktion und Vertiefung.
Bibliografie
Kim, M. K., Kim, S. M., Khera, O. & Getman, J. (2014). The experience of three flipped classrooms in an urban university: an exploration of design principles. Internet and Higher Education, 22, S. 37–50.
Mebis – Landesmedienzentrum Bayern (2019). Kompetenzrahmen zur Medienbildung an bayerischen Schulen. https://mebis.bycs.de/beitrag/kompetenzrahmen-zur-medienbildung (Zugriff: 27.07.2025)
Zur Autorin

Johanna Pimpi-Zadeh ist Lehrkraft am Christoph-Probst-Gymnasium Gilching. Dort unterstützt sie aktuell die Digitalisierungsoffensive durch Fortbildungen.
