„Buenos Aires – mehr als Fußball und Tango“ von Astrid Lütje

Meine Stadt wird deine Stadt – argentinische Jugendliche stellen ein Besuchsprogramm durch Buenos Aires für deutsche Schüler*innen vor.  Es vermittelt historische Einblicke, berücksichtigt aber auch die spezifischen Bedürfnisse jugendlicher Besucher*innen.

Zielgruppe Jahrgangsstufe 9–11
Lernjahr/Niveau zweites oder drittes Lernjahr, Niveau A2
Zeitlicher Umfang 90 Minuten (eine Doppelstunde) + fakultatives Folgeprojekt
Lehrplanthema/-bezug Landeskunde
Stellung in der Sequenz eigenständige Unterrichtseinheit
Materialien M1 – M23

Die Projektidee – ein Besuchsprogramm für Schüler*innen

„Siempre he sentido que hay algo en Buenos Aires que me gusta. Me gusta tanto que no me gusta que les guste a otros. Es un amor celoso.“ (Jorge Luis Borges, 1899–1986, argentinischer Schriftsteller).

Jede*r Einwohner*in dieser Stadt hat seine eigene Perspektive des Gefallens und Missfallens. Sie ist abhängig von dem Viertel, in dem er/sie wohnt, und sie wird geprägt von den Umständen und Interessen, die sein/ihr Leben bestimmen. Jede*r würde, wenn man ihn/sie fragte, eine andere Geschichte von Buenos Aires erzählen.

Welche Geschichten erzählen argentinische Jugendliche? Welches Bild ihrer Stadt würden sie gleichaltrigen deutschen Jugendlichen vermitteln? Ein Projekt in der achten Jahrgangsstufe der Pestalozzi-Schule, einer deutschen Auslandsschule in Buenos Aires, gibt Antworten aus der Perspektive von Jugendlichen. Die Achtklässler*innen (Deutschkenntnisse auf A2-Niveau) erhielten die Aufgabe, in Kleingruppen ein mehrtägiges Besuchsprogramm zusammenzustellen. Es sollten sehenswerte Orte ausgewählt und bewertet sowie die Auswahl begründet werden. Auch Stadtviertel, die man den Besucher*innen nicht zeigen möchte, sollten notiert und die Ablehnung begründet werden.

Die Vorschläge wurden von der Verfasserin entsprechend der Priorisierung der Schüler*innen in eine realisierbare Reihenfolge gebracht und durch Hintergrundinformationen sowie Fotos ergänzt. So entstand der Entwurf eines dreitägigen Besuchsprogramms, das einerseits Einblicke in die historische Stadtentwicklung vermittelt, andererseits aber auch die vielfältigen Bedürfnisse

jugendlicher Besucher*innen nach Shoppen, Fußball, Kultur und Erholung berücksichtigt:

Tag 1: historisches Zentrum (M1–M7) und Puerto Madero, ein gentrifiziertes altes

Hafenviertel (M8–M9)

Tag 2: Palermo, ein Viertel mit schöner alter Architektur, vielfältigen

Einkaufsmöglichkeiten, Gastronomie und weitläufigen Grünanlagen

(M10–M11) und Teatro Colón (M12–M13)

Tag 3: La Boca, ein altes Arbeiterviertel mit einem der weltweit berühmtesten

Fußballstadien (La Bombonera) (M14–M17)

Der Unterrichtsentwurf möchte darüber hinaus zu einer bewussten Wahrnehmung und Reflexion jugendlicher Perspektiven anregen. Daher sind in das Material zwei Orte – das alte Stadtviertel San Telmo und der Friedhof in Recoleta – eingefügt, die zwar zum touristischen Standardprogramm gehören, von den argentinischen Schüler*innen jedoch nicht in ihrer Liste der sehenswerten Orte erwähnt werden. Informationen zu diesen Orten werden den negativen Bewertungen der argentinischen Jugendlichen gegenübergestellt (M18–M20). Auch die Orte, die die Jugendlichen den Besucher*innen nicht zeigen möchten, sind in das Material aufgenommen worden (M21–M23). Es ist lohnend, sie im Unterricht zu thematisieren, um die Perspektiven auf Buenos Aires zu erweitern.

Die Ziele Perspektivenvielfalt und Perspektivenwechsel

Der hier vorgestellte Entwurf dient mehreren unterrichtsbezogenen Zielen:

  1. Das Bild, das der Landeskundeunterricht von lateinamerikanischen Metropolen vermittelt, wird durch das Kennenlernen von Buenos Aires erweitert und vertieft.
  2. Die Auswahl, Beurteilung und Bewertung der Besichtigungsorte durch die Argentinier*innen bietet den deutschen Schüler*innen Gelegenheit, Buenos Aires mit argentinischen Augen‘ wahrzunehmen.
  3. Dieser Perspektivwechsel wird am Ende der Stadtbegegnung reflektiert, indem an zwei Beispielen eine Diskrepanz zwischen den Vorschlägen der Schüler*innen und einem gewöhnlichen touristischen Programm aufgezeigt und begründet wird.
  4. Jede Stadt schließt Räume ein, die man Besucher*innen nicht zeigen möchte. Der Hinweis der Argentinier*innen auf solche No-go-areas verhindert, dass die Vorstellungen von Buenos Aires durch die Blickrichtung auf die ‚schönen‘ Seiten der Stadt allzu einseitig ausgebildet werden.
  5. Ein mögliches Folgeprojekt, die Erstellung eines Besuchsprogramms in der eigenen Stadt für argentinische Schüler*innen, wechselt noch einmal die Perspektive: Kann es gelingen, das Vertraute probeweise ‚mit fremdem Blick‘ wahrzunehmen?

Das Thema im Unterricht Vorschlag zum Unterrichtsverlauf

Teil 1:

Die Arbeit wird in Kleingruppen zu jeweils drei bis vier Schüler*innen durchgeführt. Jede Kleingruppe erhält das Material zu allen drei Besuchstagen in einfacher Ausfertigung (M1–M17) und jede*r Schüler*in beschäftigt sich mit einem der drei Tage. Da das Material zum ersten Tag umfangreicher ist, kann es auf zwei Schüler*innen aufgeteilt werden. Nach der Lektüre der Texte in Einzelarbeit stellen sich die Schüler*innen innerhalb ihrer Kleingruppe die Sehenswürdigkeiten gegenseitig vor. Dazu vermitteln sie Hintergrundinformationen aus dem gegebenen Material. Leitend sind dabei folgende Fragen:

  • Warum wählen die argentinischen Schüler*innen gerade diese Orte?
  • Inwiefern sind diese Orte bedeutend für ein Verständnis der Geschichte von Buenos Aires bzw. von Argentinien?

Am Ende des ersten Teils erhält eine der Kleingruppen das Material aus dem Abschnitt „Orte, die man nicht zeigen möchte“ (M21–M23). Während die übrigen Gruppen den zweiten Teil erarbeiten, sichten sie die Texte und bereiten eine kurze Präsentation für Teil 3 vor.

Teil 2:

Die Schüler*innen erhalten das Material sowie die Bewertungen der Argentinier*innen aus dem Abschnitt „Reflexion“ (M18–M20). Sie tauschen sich in ihrer Kleingruppe darüber aus, ob sie die beiden Orte, Recoleta und San Telmo, gerne besuchen würden oder ob sie die negative Bewertung durch die argentinischen Schüler*innen nachvollziehen können.

Teil 3:

Zunächst präsentiert die aus dem zweiten Teil herausgenommene Kleingruppe vor der Klasse die ‚Orte, die man nicht zeigen möchte‘, ihre Entstehung und ihre Bewertung durch die Argentinier*innen.

Abschließend wird im Plenum diskutiert, ob und warum bzw. warum nicht das Besichtigungsprogramm der argentinischen Schüler*innen das Interesse an Buenos Aires geweckt hat.

Teil 4:

In einem fakultativen Folgeprojekt entwerfen die Schüler*innen für ausländische Besucher*innen ein Besichtigungsprogramm für ihre eigene Stadt. Sie überlegen, welche Interessen berücksichtigt werden müssen, welche Orte sehenswert sind – und welche vermieden werden sollen –, und welche Hintergrundinformationen benötigt werden, um die Bedeutung dieser Orte zu verständlich zu machen.

Endnote

[1] Die Karte wurde von der Verfasserin gestaltet unter Verwendung einer Vorlage aus https://buenosaires.gob.ar/gcaba_historico/laciudad/barrios

Alle weiteren Abbildungen in den Materialien sind Fotos der Verfasserin.

Bibliografie

Birle, P.; Gryglewski, E.; Schindel, E. (Hrsg.) (2009). Urbane Erinnerungskulturen im Dialog: Berlin und Buenos Aires. Metropol.

Buenos Aires Ciudad. Barrios [online: https://buenosaires.gob.ar/gcaba_historico/laciudad/barrios, abgerufen am 26.11.2025]

Buenos Aires Ciudad (2017). „Puerto Madero: Historia”. In: Barriada 13.01.2017 [Online: https:// www. barriada.com.ar/puerto-madero-historia, abgerufen am 27.11.2025].

Buenos Aires Ciudad. Turismo [Online: https://turismo.buenosaires.gob.ar/en, abgerufen am 02.12.2025].

Carreras, S.; Potthast, B. (2013). Eine kleine Geschichte Argentiniens. Suhrkamp.

Meirich, S.(2009). Die wollen uns nicht sehen. Buenos Aires – Aus einem Leben am Rande. pro literatur.

Olaso, F. (2013). „Gefährlich wohnen in der Villa 31“. In: Deutschlandfunk Kultur, 13.8.2013 [Online: https://www.deutschlandfunkkultur.de/gefaehrlich-wohnen-in-der-villa-100.html, abgerufen am 14.12.2025].

The Stadium Guide – La Bombonera [Online: https://www.stadiumguide.com/ bombonera, abgerufen am 29.10.2025].

Turismo Buenos Aires Ciudad: Teatro Colón [online: https://turismo.buenosaires. gob.ar/es/otros-establecimientos/teatro-col%C3%B3n, abgerufen am 13.11.2025].

Vogt, J. (2024). Argentinien mit Patagonien und Feuerland. Peter Rump.

Zur Autorin

Dr. Astrid Lütje ist Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache und Geografie. Sie promovierte über persönliche Narrative im Geografieunterricht und ist seit Februar 2025 an der Pestalozzi-Schule in Buenos Aires tätig.

Materialien:

  • Buenos Aires – mehr als Fußball und Tango – Fichas de trabajo

    10.07.2026