„Asylum: Wenn Freiheit und soziale Ungleichheit plötzlich erlebbar werden“ von Julia Roither
Wie erleben Migrant:innen Freiheit und Selbstbestimmung? Eine Doppelstunde mit der novela gráfica „Asylum“ von Javier de Isusi lässt Schüler:innen der gymnasialen Oberstufe diese Frage unmittelbar erfahren – analytisch, kreativ und körperlich.
| Zielgruppe | Q12 (Jahrgangsstufe 12) |
|---|---|
| Lernjahr/Niveau | 5. Lernjahr (Spanisch als 3. Fremdsprache)/B2 |
| Zeitlicher Umfang | 90 Minuten (Doppelstunde) |
| Lehrplanthema/-bezug | Spanien als Ein- und Auswanderungsland; Interkulturelle Kompetenz, Lese- und Schreibkompetenz, Kommunikative Kompetenz |
| Stellung in der Sequenz | Vertiefung |
| Materialien | M1 „AB Expert:innengruppen“ M2 “ AB Stammgruppen“ M3 „Rollenkarten“ M4 „Aussagen“ |
Einbettung in die Unterrichtssequenz
Die vorliegende Doppelstunde ist Teil einer mehrwöchigen Unterrichtssequenz zum Thema ‘Spanien als Ein- und Auswanderungsland’ in der Q12. Zu Beginn der Einheit wurden migrationspolitische und historische Hintergründe erarbeitet, darunter Ursachen und Folgen von Migration, Spaniens Rolle als Zielland sowie der Kontext des Spanischen Bürgerkriegs und der Franco-Diktatur. Dieses Vorwissen ist für das Verständnis der novela gráfica unabdingbar, da das Werk Flucht und Exil in verschiedenen historischen und geographischen Kontexten verortet. Darüber hinaus wurden relevante Wortfelder aufgebaut, Grundlagen der Text-Bild-Analyse eingeführt und die Erzählstruktur sowie zentrale Figuren des Werks besprochen.
Die hier vorgestellte Doppelstunde bildet den inhaltlichen Höhepunkt der Sequenz. Sie knüpft an die vorherige Lektürearbeit an und bereitet gleichzeitig die folgenden Stunden vor, in denen die visuelle Gestaltung – Bildsprache, Panels, Farbgebung – in den Fokus rückt. Den Abschluss der Einheit bildet ein Podcast-Projekt, in dem die Lernenden ihre persönliche Perspektive auf Themen wie Identität, Freiheit und Migration reflektiert darstellen. Die Doppelstunde wirkt somit als Bindeglied zwischen analytischer Lektüre und persönlicher Auseinandersetzung.
Vom Wissen zur Erfahrung: Einstieg und Gruppenpuzzle
Der Einstieg setzt bewusst auf eine persönliche, assoziative Annäherung an das Thema Freiheit. Anstatt unmittelbar in die Textanalyse einzusteigen, erhalten die Lernenden zunächst visuelle Impulse, die eigene Vorstellungen und Erfahrungen zum Thema aktivieren. Im Partner:innengespräch tauschen sie sich aus, bevor zentrale Begriffe im Plenum an einer gemeinsamen Mindmap gesammelt werden. Diese öffnende Phase ist didaktisch wertvoll, weil sie Freiheit nicht als abstraktes Konzept einführt, sondern als gelebte, subjektive Erfahrung und damit die Grundlage für eine echte Auseinandersetzung mit den Figuren schafft.
Im Hauptteil erarbeiten die Schüler:innen in einem Gruppenpuzzle fünf Figuren aus der novela gráfica. In Expert:innengruppen analysieren sie jeweils eine Figur anhand gezielter Leitfragen (M1): Welche Erfahrungen macht diese Person mit Migration und Flucht? In welchem Maße kann sie über ihr Leben selbst bestimmen? Die Ergebnisse werden anschließend in neu zusammengesetzten Stammgruppen geteilt (M2), sodass ein multiperspektivisches Bild entsteht. Das Gruppenpuzzle eignet sich hier besonders gut, weil die fünf Figuren des Werks sehr unterschiedliche Hintergründe und Schicksale verkörpern. Ihre Zusammenschau macht die Komplexität von Migration erst wirklich sichtbar.
‘Schritte nach vorne’: Freiheit körperlich erfahren
Den methodischen Kern und stärksten Moment der Stunde bildet die szenische Aktivität ‘Schritte nach vorne’. Die Lernenden übernehmen eine Figurenrolle (M3) und reagieren auf Aussagen, die die Lehrkraft vorliest (M4): Stimmt ihre Figur zu, machen sie einen Schritt nach vorne, lehnt sie ab, einen Schritt zurück. Am Ende der Aktivität ist räumlich sichtbar, wie ungleich die Figuren in ihrer Bewegungsfreiheit positioniert sind. Soziale Ungleichheiten und Privilegien werden damit erfahrbar – nicht als abstrakte Konzepte, sondern als körperlich spürbares Erleben. Der abschließende Moment verstärkt diesen Effekt noch einmal eindrucksvoll: Die Lernenden sollen ihre Rollenkarten von ihrem Platz aus symbolisch in einen Mülleimer am vorderen Ende des Raums werfen. Für die privilegierten Figuren ist das mühelos möglich – für die Benachteiligten, die weit hinten stehen, nicht. Dieser Moment erzeugt regelmäßig Stille und echte Betroffenheit im Raum, weil das Spannungsfeld von Freiheit und Einschränkung nicht erklärt, sondern erlebt wird.
Sprachlich wird die Aktivität durch Satzanfänge mit dem subjuntivo gestützt, die den Schüler:innen helfen, aus der Figurenperspektive differenziert über Hoffnungen und Grenzen zu sprechen. Die Verknüpfung von Bewegung, Emotion und Zielsprache ist anspruchsvoll, funktioniert in der Praxis aber sehr gut: Die körperliche Aktivierung erleichtert den sprachlichen Ausdruck, weil die Lernenden in diesem Moment wirklich das Bedürfnis verspüren, sich auszudrücken.
Abschluss: Reflexion und kreatives Schreiben
Den Abschluss der Stunde bildet eine Rückkehr zur Eingangs-Mindmap. In Partner:innenarbeit ergänzen die Lernenden die zu Beginn gesammelten Begriffe und reflektieren, wie sich ihr Verständnis von Freiheit durch die Auseinandersetzung mit den Figuren verändert hat. Diese Rahmung macht den Lernprozess für die Schüler:innen selbst sichtbar und verdeutlicht, dass Literaturarbeit nicht nur Textanalyse bedeutet, sondern besonders auch persönliches Denken und Einfühlen fordern kann.
Als kreative Vertiefung verfassen die Schüler:innen einen fiktiven Dialog zwischen zwei Figuren der Lektüre, in dem sie zentrale Gedanken zu Freiheit und Selbstbestimmung zum Ausdruck bringen. Diese Aufgabe verbindet produktives Schreiben mit inhaltlicher Tiefe und bietet gleichzeitig Möglichkeiten zur Differenzierung: Leistungsstärkere Lernende können sprachlich komplexe Standpunkte ausarbeiten, während schwächere auf die Satzgerüste zurückgreifen können, die während der Aktivität eingeführt wurden.
Übertragbarkeit und didaktischer Mehrwert
Ein besonderer Vorzug dieser Doppelstunde liegt in ihrer Flexibilität: Die gewählten Methoden – Gruppenpuzzle, szenische Reflexion und kreative Schreibaufgabe – sind nicht exklusiv an „Asylum“ gebunden. Sie lassen sich auf andere literarische Texte, Themenfelder oder Jahrgangsstufen übertragen und eignen sich damit als Modell für literarisch-interkulturelles Lernen im Spanischunterricht insgesamt. Wer etwa mit einem anderen Roman oder einer Kurzgeschichte zum Thema Migration arbeitet, kann das Grundprinzip – Figurenperspektiven erarbeiten, körperlich erfahren, sprachlich reflektieren – ohne großen Mehraufwand adaptieren.
Ein wichtiger Hinweis gilt für Klassen mit Schüler:innen mit eigenem Migrationshintergrund: Die szenische Aktivität ‘Schritte nach vorne’ kann persönliche Erfahrungen berühren, die weit über den Unterrichtskontext hinausgehen. Es empfiehlt sich daher, die Lerngruppe im Vorfeld einzuschätzen und das Format gegebenenfalls sensibel anzupassen – etwa indem betroffene Schüler:innen die Möglichkeit erhalten, eine andere Rolle zu wählen oder die Aktivität beobachtend zu begleiten. Die Entscheidung, was im jeweiligen Klassenkontext angemessen ist, liegt letztlich bei der Lehrkraft und sollte individuell getroffen werden.
Insgesamt überzeugt diese Stunde vor allem deshalb, weil sie drei Dimensionen zusammenbringt, die im Fremdsprachenunterricht oft getrennt bleiben: analytisches Denken, emotionale Beteiligung und sprachliche Produktion. Migration wird nicht als abstraktes gesellschaftliches Phänomen behandelt, sondern als Summe individueller Geschichten, Entscheidungen und Gefühle – und genau das macht den Unterricht für die Lernenden bedeutsam.
Bibliografie
De Isusi, J. (2016). Asylum. Astiberri Ediciones & CEAR-Euskadi.
Zur Autorin

Julia Roither ist Studienreferendarin für Spanisch und Englisch am Christoph-Probst-Gymnasium Gilching. Mit der entwickelten Unterrichtssequenz zur novela gráfica „Asylum“ wurde sie im Rahmen der Jornadas Hispánicas 2026 mit dem Nachwuchspreis Abrimos Puertas ausgezeichnet
