„Identität(en) gestalten: Assemblage“ von Julian Nazaruk
| Zielgruppe | Sekundarstufe II |
| Lernjahr/Niveau | B1+/B2 |
| Zeitlicher Umfang | 2-3 Doppelstunden |
| Lehrplanthema/-bezug | Themenfeld: Identidad |
| Stellung in der Sequenz | Alternative Methode für die Erarbeitungsphase |
| Materialien | — |
Wenn wir in der allerersten Spanischstunde unsere Lernenden nach ihren Namen fragen, begeben wir uns damit bereits in kleinen Schritten in das große Themenfeld der Identität. Es mag nicht in jeder Stunde zentraler Unterrichtsgegenstand sein, aber immer dann, wenn wir unsere SchülerInnen nach ihrer Meinung fragen, oder sie Auskunft über sich und ihr Lebensumfeld geben, offenbaren sie einen Teil ihrer selbst und somit einen Teil ihrer Identität.
¿Quién soy yo y quiénes son los otros?
Im Prinzip beschäftigt sich der Spanischunterricht durchgehend mit Fragen nach dem ¿quién soy yo y quiénes son los otros? Verwunderlich ist dies nicht, denn ein kommunikativer Fremdsprachenunterricht bereitet die Lernenden auf reale Sprechsituationen vor, die größtenteils selbstoffenbarend und fragend sind. Verstärkt wird dieser Sachverhalt durch die im Sek-II-Unterricht immer präsenter werdende Textarbeit, die häufig davon handelt, Menschen, Persönlichkeiten und literarische Figuren zu verstehen, ihre Handlungsweisen nachzuvollziehen und sie letztlich also in ihrer Gesamtheit (Identität) zu begreifen. Um dieses Ziel zu erreichen, greifen wir auf bewährte Methoden zurück: Lernende verfassen auf analytisch-distanzierter Ebene Charakterisierungen, tauchen in kreativen Aufgabenformaten in die jeweilige Perspektive ein und/oder diskutieren auf objektiver Ebene Sachverhalte aus.
In diesem Kontext ist es für den Spanischunterricht gewinnbringend, einen Blick in die Kunst zu wagen, wo die Frage nach dem Sein und dem Ist des Menschen zentrales Moment vieler künstlerischer Arbeiten durch die Epochen hindurch ist. Die Techniken und Gestaltungsmöglichkeiten, die den Kunstschaffenden zur Verfügung stehen, erlauben eine tiefergehende, empathischere, echtere und kontroversere Auseinandersetzung mit dem Wesen eines Menschen oder einer literarischen Figur.
Die Assemblage als nützliches Werkzeug im Spanischunterricht
Als bereichernd hat sich für den Unterricht der Rückgriff auf die Assemblage gezeigt. Dabei handelt es sich um eine Technik, mit der im Wesentlichen aus alltäglichen Gegenständen dreidimensionale Kunstwerke/Collagen geschaffen werden. Für Lernende bedeutet die Umsetzung einer eigenen Assemblage einen multimodalen, kompetenzfordernden Prozess:
- Im ersten Schritt geht es darum, das vorliegende Textmaterial bei Fremdbiografien oder (viel schwieriger) die eigene Biografie mit dem Blick auf sich selbst im Detail zu untersuchen und zu eruieren: Was sind besondere biografische Momente? Wodurch zeichnet sich das Handeln aus? Welche Werte bestimmen das Leben? Wie zeigt sich der Charakter?
- Ist dies geleistet, müssen die Lernenden anfangen, in Symbolen, Metaphern und Bildern zu denken: Wie lässt sich die Identität mit alltäglichen Dingen darstellen? Dabei nehmen sie gleichzeitig eigenständig Gewichtungen vor, in dem Sinne, dass sie aus ihrer subjektiven Wahrnehmung heraus beurteilen müssen, welche Elemente in welcher Form (nicht) in der Assemblage zu erscheinen haben.
- Schließlich bringt die künstlerische Umsetzung die Lernenden dazu, in Vernetzungen und Verbindungen zu denken. Die Werkskomposition erfordert es, Entscheidungen in der Hinsicht zu treffen, wie die einzelnen, darzustellenden Aspekte miteinander in Beziehung stehen und welche Wechselwirkungen dabei entstehen.

Der Umgang mit Assemblagen
Die Ergebnisse sind höchst persönlich, intim und offenbarend. Sie bezeugen auf eindrucksvolle Weise die Wahrnehmungsperspektiven der Lernenden. Gerade bei Assemblagen, die im Kern die gleiche Person oder Figur thematisieren, entstehen in vergleichenden Auswertungsrunden (z. B. erst in Form von Wahrnehmungs- und Interpretationsdiskussionen in Kleingruppen mit sich anschließendem KünstlerInnengespräch) Divergenzen, die den Diskurs um die Person oder Figur auf spannende Weise intensivieren. Die Assemblage ist damit weit mehr als nur eine einfache, künstlerisch-bildnerische Umsetzung von Identität. Sie ist ein Zeugnis durchdringender Empathie. Das Beispiel (siehe Abbildung) zeigt eine Assemblage zum Rapper Residente und seinem autobiografischen Song „René“. Lassen Sie sich auf das Lied und das Werk ein. Was sehen Sie?
Zum Autor

Julian Nazaruk unterrichtet am Schiller-Gymnasium Hameln Spanisch, Geschichte und Kunst. Er ist zudem aktives DSV-Vorstandsmitglied.
