„Luis Sepúlvedas interkulturelle ecocrítica“ von Natascha Keusch & Laura Wiemer

Das Hauptwerk des chilenischen Schriftstellers Luis Sepúlveda nimmt die Beziehung von Mensch, Tier und Umwelt im Amazonas-Regenwald kritisch in den Blick.

Sepúlvedas Leben und Werk

In der neueren lateinamerikanischen Literatur ist Luis Sepúlveda (1949 − 2020) für seine ‚engagierte‘ Schreibweise bekannt, mit der er gesellschaftliche Missstände aufzeigt. Als politischer Aktivist und Gegner der Pinochet-Diktatur (1973 − 1990) hat der chilenische Autor den Großteil seines Lebens im Exil verbracht: zuerst in Süd- und Mittelamerika, später dann in Europa, wo er sich ab 1980 auch über zehn Jahre in Deutschland aufhielt. Dort hat er seinen bekanntesten und erfolgreichsten Roman „El viejo que leía novelas de amor“ (1989) geschrieben, der in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet wurde. Auf Grundlage von Sepúlvedas eigenem Drehbuch hat Oscar-Regisseur Rolf de Heer den Roman unter dem englischen Titel „The Old Man Who Reads Love Stories“ (2001) mit Richard Dreyfuss in der Hauptrolle verfilmt.

Sepúlveda führte ein bewegtes Leben im Exil

Sepúlvedas Werke sind v. a. den Prinzipien der ecocrítica verpflichtet. Dabei handelt es sich um einen inter-disziplinären Ansatz in der Literatur und Kulturwissenschaft, eher bekannt unter der englischen Bezeichnung ecocriticism, der sich differenziert mit dem Themenbereich der Umwelt und Nachhaltigkeit auseinandersetzt. Es geht sowohl um die werkinterne Darstellung von Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekten in verschiedenen Gattungen und Medien als auch um die werkexterne Einordnung in die jeweiligen historischen, politischen und soziokulturellen Entstehungs- und Bezugskontexte (García Única, 2017, S. 80 − 84). An der Schnittstelle zu den animal studies, welche die Beziehungen von Mensch und Tier in unterschiedlichen Disziplinen untersuchen, verweisen die Titel von Sepúlvedas Werken häufig auf die tierischen Protagonisten, etwa in den Kurzromanen

„Historia de una gaviota y del gato que le enseñó a volar“ (1996) und „Historia de una ballena blanca“ (2019). Wie in Sepúlvedas Hauptwerk „El viejo que leía novelas de amor“ stellt die Natur in beiden Werken nicht nur den Hintergrund oder den Schauplatz für eine vertiefte Auseinandersetzung mit anderen gesellschaftsrelevanten Themen dar, sondern ist unabdingbarer Bestandteil der Texte und Kernanliegen ihrer Handlung.

In geographischer Hinsicht interessierte sich Sepúlveda v. a. für den Amazonas-Regenwald. Auf seiner Exilreise hat er dort mehrere Monate mit dem indigenen Volksstamm der Shuar gelebt, die ihm ein anderes Verständnis im Umgang mit Flora und Fauna vermittelt haben. In seinen Worten:

La verdad es que yo tuve la tremenda suerte de poder convivir, durante siete meses, con los indios shuar en la Amazonia ecuatoriana. Fue una convivencia muy intensa que significó una completa transformación de mi concepción del mundo. Hay un montón de esquemas que se fueron al carajo. (Sepúlveda in Ribalta & Cross, 1995, o. S.)

Zehn Jahre später hat Sepúlveda seine Erlebnisse in dem Roman „El viejo que leía novelas de amor“ literarisch verarbeitet. Sein Sprachrohr und alter ego ist der fast 70-jährige Protagonist Antonio José Bolívar Proaño, der viejo des Buchtitels. Anhand dessen bewegter Lebensgeschichte, die in der Amazonas-Region in einem fiktiven malerischen Dorf mit dem sprechenden Namen „El Idilio“ spielt, schafft Sepúlveda nach eigener Auffassung „un canto de amor a esa Amazonia trágica, y devastada, que se desarrollaría a través de las peripecias y vivencias de un personaje“ (Sepúlveda in Ribalta & Cross, 1995, o. S.). Gleichzeitig fürchtete der Schriftsteller die weitere Zerstörung des Regenwalds durch die Rezeption seines Romans als „una suerte de invitación para que intrusos, que nada tienen que ir a buscar a la Amazonia, se fueran a meter allá“ (Sepúlveda in Ribalta & Cross, 1995, o. S.). Diese Bedrohung spiegelt im Roman die Figurengruppe der Gringos wider, die als Vertreter der europäischen und nordamerikanischen Gold- und Ölbranche den Regenwald für schnelle Profite ausbeuten. Vom Leben und der Menschheit enttäuscht, zieht sich Antonio im Alter in die fiktive Welt seiner Liebesromane zurück, welche die Übel der realen Welt ausblenden: „sus novelas de amor con palabras tan hermosas que a veces le hacían olvidar la barbarie humana“ (Sepúlveda, 2015 [1989a], S. 137).

Sepúlvedas Hauptwerk „Un viejo que leía novelas de amor“ (1989)

Interkulturelle Perspektivwechsel

In den acht Kapiteln des vergleichsweise kurzen Romans mit ca. 120 Seiten agiert Antonio als Mittlerfigur zwischen drei Kulturen: seiner Herkunftskultur aus einem ecuadorianischen Bergdorf in den Anden, der Kultur der Shuar im Amazonas-Regenwald und der Kultur der eingewanderten Gringos in El Idilio unter Bürgermeister Babosa. Im Verlauf der Handlung, die mittels zahlreicher Rückblenden auf Schlüsselmomente in Antonios Leben anachronisch erzählt wird, entwickelt der Protagonist ausgeprägte interkulturelle Kompetenzen, die „soziokulturelles und soziolinguistisches Wissen, Einstellungen und Empathiefähigkeit sowie kommunikatives Können“ (KMK, 2023, S. 20) in Bezug auf die drei Kulturen bedeuten.

Vor Romanbeginn ist die Figurenkonstellation noch multikulturell geprägt, da jede Gruppe unter sich bleibt. Erst Antonios Blutsfreundschaft mit dem Indigenen Nushiño und seine besondere Eignung für das Aufnahmeritual der Shuar, welche er durch das Überleben eines giftigen Schlangenbisses unter Beweis stellt, lassen ihn in die indigene Kultur eintauchen. Von den Shuar lernt Antonio im Einklang mit der Natur zu leben. Zwar ist er auch nach Jahren keiner von ihnen, wirkt aber wie einer: „Sabía tanto de la selva como un shuar. Era tan buen rastreador como un shuar. Nadaba tan bien como un shuar. En definitiva, era como uno de ellos, pero no era uno de ellos“ (Sepúlveda, 2015 [1989a], S. 50). Auch die Tatsache, dass die Shuar Antonio hin und wieder ins Dorf der Gringos zurückschicken, damit er dort eine Zeit lang unter ‚seinesgleichen‘ lebt, d. h. mit Nicht-Indigenen, verdeutlicht, dass er kein vollwertiges Stammesmitglied ist. Antonio akzeptiert diese Konstruktion von Differenz und Exklusion (othering), weil er sich der kulturellen Unterschiede bewusst ist (cultural awareness), sowohl gegenüber den Shuar als auch gegenüber den Gringos. Mit letzteren hat er außer seiner nicht-indigenen Herkunft aber noch weniger gemeinsam als mit den Shuar. Denn die eingewanderten Gringos aus Europa und Nordamerika verfolgen im Amazonas-Gebiet ausschließlich wirtschaftliche Interessen, ohne sich mit dem Regenwald zu identifizieren. Für Antonio ist dieser hingegen nach dem Anden-Bergdorf sein neues Zuhause geworden: „A los cinco años de estar allí supo que nunca abandonaría aquellos parajes“ (Sepúlveda, 2015 [1989a], S. 46). Wenn er gerade nicht mit den Shuar im Regenwald lebt, nutzt er die Zeit in El Idilio für das Lesen von Liebensromanen, die ihm der Zahnarzt Rubicundo Loachamín bei seinen Landbesuchen aus der Stadt mitbringt. So wird die Welt der Bücher neben der Welt der Natur für Antonio zu einem Sehnsuchtsort, der ihn den Alltag vergessen lässt.

In Bezug auf die Darstellung der Natur und der naturverbundenen indigenen Kultur ist zu berücksichtigen, dass weder der Autor Luis Sepúlveda noch sein alter ego Antonio gebürtige Shuar sind. Dadurch ist ihre Perspektive ebenso wie die ecocrítica im Roman interkulturell geprägt. Denn das ‚Eigene‘ der Shuar im Einklang mit der Natur wird stets aus der Perspektive des ‚Anderen‘ Nicht-Indigenen vermittelt, allerdings durch eine Erzählinstanz in der dritten Person, die neutraler ist als Antonios innere Stimme in der zweiten, mit der er sich selbst anspricht, z. B. „¿Qué te pasa? […] ¿Qué es lo que te impacienta?“ (Sepúlveda 2015 [1989a], S. 119) oder „¿Lo recuerdas, viejo?“ (Sepúlveda 2015 [1989a], S. 123).

Mitglieder des indigenen Volksstamms der Shuar

Das Entdecken einer anderen Kultur wie die Tradition der Shuar schließt critical incidents ein, welche bedeutsame Ereignisse oder Situationen in bestimmten Kontexten meinen, die Personen mit ausreichender Kenntnis und Erfahrung in diesem Setting erwartungskonform bewältigen können. Außenstehende, welche die soziokulturellen Gepflogenheiten hingegen nicht kennen, laufen Gefahr, diese Stellen misszuverstehen und sich u. U. unangemessen zu verhalten. Critical incidents im Allgemeinen und rich points im Besonderen, an denen Missverständnisse und Konflikte erfahrungsgemäß häufiger auftreten, bieten jedoch v. a. beim interkulturellen Lernen handlungsorientierte Gesprächsanlässe, um unterschiedlich geprägte Sichtweisen bewusst wahrzunehmen und über diese im Sinne einer cultural awareness (selbst-)kritisch zu reflektieren (Haag & Bienick, 2015, S. 1 − 4).

Auch Antonio ist mit critical incidents konfrontiert und wird aus dem Volksstamm der Shuar verstoßen, als er sich an einem rich point in ihren Augen sittenwidrig verhält: Nachdem Nushiño bei einer Explosion von Dynamit ums Leben kommt, für die eine Gruppe von Goldsuchern (Gringos) verantwortlich ist, soll Antonio als Nushiños Blutsbruder dessen Tod rächen. Für die Tat hätte Antonio traditionsgemäß ein Blasrohr verwenden müssen, greift nach einem Fehlschuss aber unerlaubterweise zum Gewehr. Dadurch verliert er seine Ehre und verdammt Nushiño, was ihm die Shuar nicht verzeihen: „Se había deshonrado, y al hacerlo era responsable de la eterna desdicha de su compadre“ (Sepúlveda 2015 [1989a], S. 57). Infolgedessen kehrt Antonio als Jíbero (verstoßener Shuar) ins Dorf El Idilio zurück, wo er fortan zwischen den Gringos lebt.

Nachdem eine Tigermutter Mitglieder der Gringos tödlich verletzt, die außerhalb der Jagdsaison ihre Jungen erlegt haben, kommt der Bürgermeister Babosa auf Antonio zu und bittet ihn, die Dorfgemeinschaft bei der Jagd nach der Tigermutter zu unterstützen. Auch diese Situation ist ein critical incident, da Antonio die Jagdregeln der Shuar bestens kennt, an die sich die Gringos nicht halten. Dennoch willigt er nach Insistieren des Bürgermeisters ein und führt die Expedition letzten Endes alleine durch, da seine Mitstreiter den Lebensbedingungen im Regenwald nicht gewachsen sind und die Jagd abbrechen müssen.

Die Jagd nach einem Tiger als critical incident

Die Gringos nutzen Antonios interkulturelles Wissen, welches ihm die Shuar über die Natur vermittelt haben, egoistisch für ihre Zwecke aus. Dies wird ihm jedoch erst bewusst, nachdem er die Tigermutter getötet hat: „El viejo la acarició […] y lloró avergonzado, sintiéndose indigno, envilecido, en ningún caso vencedor de esa batalla“ (Sepúlveda, 2015 [1989a], S. 136). Ihm wird klar, dass er unrechtmäßig in das System der Natur eingegriffen hat, und verflucht diejenigen, die ihn dazu veranlasst haben: „sin dejar de maldecir al gringo inaugurador de la tragedia, al alcalde, a los buscadores de oro, a todos los que emputecían la virginidad de su amazonía“ (Sepúlveda, 2015 [1989a], S. 137). Sein schlechtes Gewissen gegenüber der Natur und der Kultur der Shuar holt ihn bereits während der Jagd in einem Albtraum ein, in denen ihn die Augen der Tigerin verfolgen: „[…] siempre permanecían en él los inalterables brillantes ojos amarillos“ (Sepúlveda, 2015 [1989a], S. 132). Darüber hinaus drücken Antonios innere Monologe, in denen er sich selbst in der zweiten Person anspricht, seine Zerrissenheit zwischen den verschiedenen Interessen und Erwartungen aus, die Babosa und die Gringos, der Tiger und die Shuar sowie er selbst an sich stellen:

¿Por qué recuerdas todo esto? ¿Por qué la hembra te llena los pensamientos? […] Luego de cuatro asesinatos sabe mucho de los hombres, tanto como tú de los tigrillos. O tal vez tú sabes menos. Los shuar no cazan tigrillos. […] Los shuar; ¿te gustaría tener a uno de ellos contigo? (Sepúlveda, 2015 [1989a], S. 123)

Diese interrogative Erzählweise unterstützt interkulturelle Perspektivwechsel und die Identifikation mit dem Protagonisten, obwohl er eher einen Antihelden darstellt, der wiederholt kulturelle Fehler begeht. Antonios ungewolltes Fehlverhalten verdeutlicht daher die Herausforderungen des interkulturellen Lernens, insbesondere im gesellschaftsrelevanten Themenfeld der Umwelt und Nachhaltigkeit. Auch deswegen bietet sich der Roman „El viejo que leía novelas de amor“ als Gesprächsgegenstand im Spanischunterricht an.

Literaturdidaktisches Potenzial

Die Agenda 2030 der Vereinten Nationen sieht 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDG) zum Schutz des Planeten und zur Förderung nachhaltigen Friedens und Wohlstands vor (UNRIC, 2016, o. S.). Diese Ziele reichen von sauberem Wasser (SDG 6) und sauberer Energie (SDG 7) über nachhaltigen Städtebau (SGD 11) und nachhaltigen Konsum (SDG 12) bis hin zu Maßnahmen zum Klimaschutz (SDG 13), sowohl für das Leben unter Wasser (SDG 14) als auch das Leben an Land (SDG 15).

Die Aufgaben und Ziele des Fachs Spanisch sind daran anschlussfähig, v. a. auf der Ebene der interkulturellen kommunikativen Kompetenz. Laut Kernlehrplan des bevölkerungsstärksten Bundeslands NRW berücksichtigt die Förderung dieser Kompetenz in besonderer Weise „soziokulturell und global bedeutsame Themen und deren Darstellung in den spanischsprachigen Texten und Medien“ (QuaLis NRW, 2024, o. S.). Demzufolge führen die Vorgaben für das Zentralabitur bis 2027 in NRW unter den Themenfeldern des soziokulturellen Orientierungswissens in Bezug auf Lateinamerika auch den Punkt „Retos y oportunidades de la diversidad étnica“ auf. Je nach Kurswahl (Leistungskurs, Grundkurs fortgeführt oder Grundkurs neu einsetzend) wird der Aspekt den Schwerpunkten „Gegenwärtige politische und gesellschaftliche Diskussionen“ (Unterpunkt: Einblicke in die gesellschaftlichen Strukturen Lateinamerikas) und/oder „Historische und kulturelle Entwicklungen“ (Unterpunkt: Traditionen und kulturelle Vielfalt in der spanischsprachigen Welt) zugeordnet (MSB NRW, 2023, S. 5 − 7; MSB NRW, 2024, S. 5 − 7). Anhand dieser Themenfelder soll der Spanischunterricht in NRW laut Kernlehrplan eine „Auseinandersetzung mit anderen Lebenswirklichkeiten“ ermöglichen, „die Bereitschaft zur Selbstreflexion“ fördern und die Möglichkeit eröffnen, „Distanz zu eigenen Sichtweisen und Haltungen herzustellen“ (QuaLis NRW, 2024, o. S.).

Sepúlvedas Roman „El viejo que leía novelas de amor“ gibt dem Lesepublikum authentische Einblicke in eine andere Lebenswirklichkeit in Lateinamerika, konkret in die indigene Kultur der Shuar. Die Bedrohung ihres natürlichen Lebensraums, dem Amazonas-Regenwald, durch die europäischen und nordamerikanischen Gringos greift im Rahmen eines zusammenwachsenden Europas und der Globalisierung die gegenwärtige gesamtgesellschaftliche Forderung nach sozialer, ökonomischer und ökologischer Nachhaltigkeit auf. So fokussiert Sepúlvedas Roman die Ziele der Nachhaltigkeitsagenda der Vereinten Nationen mit fast 30 Jahren Vorlauf.

Die Sprache des Regenwalds

Die Lektüre des Romans stellt gerade Fremdsprachenlernende vor sprachliche und kulturelle Herausforderungen, die sie mithilfe von Scaffolding-Maßnahmen erfolgreich meistern können. Zur Vorentlastung bietet sich die Reclam-Ausgabe für den Unterricht an, da sie durch ihre Annotationen hilfreiche Übersetzungen sowie sprachliche und kulturelle Erklärungen liefert. So werden beispielweise die Begriffe natema („halluzinogen wirkende Naturdrogenzubereitung“, Sepúlveda 2007 [1989b], S. 56) und yahuasca („Ayahuasca-Liane (Tropenpflanze)“, Sepúlveda 2007 [1989b], S. 56) erläutert, die in einem gewöhnlichen Wörterbuch nicht aufgeführt sind.

Bei der Lektüre und Auseinandersetzung mit dem Roman durchlaufen die Schülerinnen und Schüler wie Antonio einen Lernprozess und eignen sich Fähigkeiten an, um sich in der fremden Kultur und Sprache der Shuar zurechtzufinden: „[Antonio] [Anm. d. Verf.] [a]prendió el idioma shuar participando con ellos de las cacerías. Cazaban dantas, guatusas, capibaras, saínos, pequeños jabalíes de carne sabrosísima, monos, aves y reptiles. Aprendió a valerse de la cerbatana, silenciosa y efectiva en la caza“ (Sepúlveda, 2015 [1989a], S. 44). Dieses Zitat sowie die oben genannten Begriffe natema und yahuasca verdeutlichen nicht nur die enorme Vielfalt der Flora und Fauna der Amazonas-Region, sondern auch die enge Verbindung zwischen den Shuar und ihrer Umwelt (Acosta, 2013, S. 5; Miranda Rodríguez, 2021, S. 52). Diese Erzählwelt in Sepúlvedas Roman ist durch eine spezifische, an die Natur gebundene Sprache geprägt, die für Außenstehende wie Antonio zunächst nur schwer verständlich ist.

Der Lernprozess und die Integration des Protagonisten in diese Welt werden damit zu einem Symbol für die Herausforderungen, aber auch für die Potenziale bei der Anpassung an eine neue Kultur und eine fremde Sprache. Die sprachlichen Hürden ermöglichen es den Lesenden, Antonios Erfahrungen und Empfindungen sowie seinen komplexen Integrationsprozess in die Kultur der Shuar besser nachzuvollziehen. Dies fördert sowohl das literarische Verständnis und die Empathie der Lesenden in Zusammenhang mit (interkulturellen) Perspektivwechseln als auch die Perfektionierung ihrer funktionalen kommunikativen Kompetenzen (Spinner, 2022, S. 18).

Literarische vs. filmische ecocrítica

Das didaktische Potenzial von Sepúlvedas Roman lässt sich auf Rolf de Heers Verfilmung ausweiten. Denn auch im Film stellt die Natur keinen bloßen Schauplatz des Geschehens dar, sondern einen aktiven Bestandteil der Handlung gemäß dem Ansatz der ecocrítica (Bula Caraballo, 2009, S. 67). Zudem fördert der Einsatz von audiovisuellen Medien im Fremdsprachenunterricht die film literacy, die wiederum die Reflexion kultureller und gesellschaftlicher Dimensionen begünstigt (Rössler, 2020, S. 2; Viebrock, 2016, S. 17). Daher kann eine Gegenüberstellung der literarischen und der filmischen Interpretation von „El viejo que leía novelas de amor“ für ein interkulturelles kompetenzorientiertes Lernen gewinnbringend sein, wie das nachfolgende Beispiel veranschaulicht.

Für eine differenzierte Betrachtung von Antonios interkulturellem Konflikt kann der Fokus auf einen grundlegenden Unterschied zwischen der literarischen und der filmischen Handlung gelegt werden: Während die Verfilmung zeigt, wie Antonio drei Tage und Nächte auf den Tiger wartet, bis er das Tier mit einem Blasrohr tötet (de Heer, 2001, 01:35:38 − 01:38:54), wird der Protagonist im Roman von dem Tiger angegriffen, weshalb er das Raubtier umgehend mit einer Schrotflinte erschießt (Sepúlveda, 2015 [1989a], S. 134 − 136). Dieser Kontrast zwischen den beiden Versionen kann sinnvoll genutzt werden, um die interkulturelle ecocrítica in „El viejo que leía novelas de amor“ vergleichend zu analysieren. Denn es wird deutlich, dass die Wahl der Waffe in der Kultur der Shuar in diesem Kontext eine zentrale Rolle spielt, da sie den Umgang mit der Natur widerspiegelt. Mit dem Ziel, interkulturelle Unterschiede kritisch zu reflektieren und in einen größeren gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang einzuordnen, könnten die Lernenden aus verschiedenen Perspektiven diskutieren, ob und wie Antonio den Tiger hätte töten sollen. Auf diese Weise werden der critical incident und die ecocrítica differenziert betrachtet und können zu einer Erweiterung der cultural awareness der Lernenden beitragen.

„El viejo que leía novelas de amor“ im Kontext der lateinamerikanischen ecocrítica

Die Gegenüberstellung der verschiedenen Sichtweisen auf die Natur in Sepúlvedas Roman verdeutlicht, dass der Umgang mit Flora und Fauna maßgeblich durch kulturelle Einflüsse determiniert ist (Gansen, 2019, S. 153). Ein thematischer Fokus auf die ecocrítica in seinem Werk in Verbindung mit Lernaufgaben zur interkulturellen kommunikativen Kompetenz trägt insofern zu den erweiterten Zielsetzungen des Spanischunterrichts bei, als durch die fremdsprachliche Lektüre und Diskussion auch das kritische und reflektierte Bewusstsein für die Umwelt geschärft und ein tieferes Verständnis für kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten angeregt werden kann. Das Hinterfragen der eigenen kulturellen Werte und Normen sowie eine daraus resultierende cultural awareness können einen respektvollen und wertschätzenden Umgang der Schülerinnen und Schüler als nächste Generation unserer Gesellschaft fördern, sowohl in ihrem Umgang mit verschiedenen Kulturen als auch mit der Natur.

Vor diesem Hintergrund ist Luis Sepúlvedas Werk abschließend in die ‚engagierte‘ lateinamerikanische ecocrítica einzuordnen, die von Alejo Carpentiers „Los pasos perdidos“ (1953) über Eduardo Galeanos „Las venas abiertas de América Latina“ (1971) bis zu Isabel Allendes „La ciudad de las bestias“ (2002) und darüber hinaus reicht. Die vorliegenden Ausführungen haben einen Einblick in das literatur- und filmdidaktische Potenzial von Sepúlvedas

„El viejo que leía novelas de amor“ gegeben, welches ein lateinamerikanisches Werk von mehreren ist, die ihrem Lesepublikum auf eine authentische Weise eine interkulturelle ecocrítica vermitteln und sich in vielfältiger Hinsicht für einen kompetenzorientierten Einsatz im Spanischunterricht der Oberstufe eignen.

Bibliografie

  • Acosta, M. (2013). Presencia de la naturaleza en el texto “Un viejo que leía novelas de amor”. Revista Comunicación, 11(2), S. 5 −18.
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  • Bula Caraballo, (2009). ¿Qué es la ecocrítica? Logos, 15, S. 63 − 73.
  • Carpentier, (1953). Los pasos perdidos. Bruguera.
  • De Heer, (2001). The Old Man Who Reads Love Stories. Sharmill Films.
  • Galeano, E. (1971). Las venas abiertas de América Latina. Siglo XXI Editores.
  • Gansen, (2019). Con la garganta abierta: la retórica en la lucha por la amazonía en un viejo que leía novelas de amor. Revista Iberoamericana, 85, S. 153 − 166.
  • García Única, (2017). Ecocrítica. Ecologismo y educación literaria: una relación problemática. Revista Interuniversitaria de Formación del Profesorado, 31(3), S. 79 − 90.
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  • KMK = Kultusministerkonferenz (2023). Bildungsstandards für die erste Fremdsprache (Englisch/Französisch) für den Ersten Schulabschluss und Mittleren Schulabschluss. https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2023/2023_06_22-Bista-ESA-MSA-Erste-pdf (Zugriff: 06.01.2025)
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  • Sepúlveda, (1989a). Un viejo que leía novelas de amor. Tusquets Editores, 2015.
  • Sepúlveda, (1989b). Un viejo que leía novelas de amor. Reclam, 2007.
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  • Sepúlveda, (2019). Historia de una ballena blanca. Tusquets Editores.
  • Spinner, (2022). Literarisches Lernen: Aufsätze. Reclam.
  • UNRIC = United Nations Regional Information Center (2016). Ziele für nachhaltige Entwicklung. https://unric.org/de/17ziele/ (Zugriff: 08.01.2025)
  • Viebrock, (2016). Feature Films in English Language Teaching. Narr.

Zur Autorin

Natascha Keusch ist Lehramtsanwärterin für die Fächer Spanisch und Englisch.

Zur Autorin

Dr. Laura Wiemer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bergischen Universität Wuppertal.

Materialien: