„La transición española − 50 años después. Una introducción al tema monográfico“ von Werner Altmann
Das historische Gedenkjahr 2025 ruckte um den Jahreswechsel 2024/25 in greifbare Nähe und zeigte wieder einmal den tiefen Riss, der die spanische Politik und Gesellschaft − gerade in der Frage einer parteiübergreifenden Erinnerung und Bewertung von Burgerkrieg und Diktatur − seit Jahrzehnten spaltet. Am 20. November 1975, dem Todestag des Diktators Francisco Franco y Bahamonde, begann eine neue Phase in der spanischen Geschichte, die transición genannt wird und den Übergang von der Diktatur zur Demokratie markiert. Isabel Díaz Ayuso, die Präsidentin der Comunidad Autónoma de Madrid, lies eine Woche vor dem letzten Weihnachtsfest – noch bevor das Gedenkjahr offiziell eröffnet war − wissen, was sie von den von der Regierung geplanten Feiern halte: Der Regierungschef Pedro Sánchez wurde damit nur „quemar las calles y provocar violencia“ (El Pais, 17.12.2024, S. 19). Der Parteichef Alberto Núñez Feijóo vom Partido Popular sekundierte; „Pueden desenterrar a Franco cien veces y pueden actuar como nostálgicos del enfrentamiento entre espanoles, eso no va a evitar que el resto queramos construir un porvenir juntos“ (El País, 17.12.2024, S. 19). Am 8. Januar des neuen Jahres fand dann im Museo Reina Sofía, wo das berühmte Gemälde Guernica von Pablo Picasso an die Schrecken des Bürgerkrieges erinnert, die feierliche Auftaktveranstaltung statt. Es nahm kein einziger Vertreter der Konservativen teil, was aber Sánchez nicht davon abhielt, eine kämpferische Rede zu halten:
Los valores y los regímenes autocráticos están avanzando. El fascismo que creímos dejar atrás, es ya la tercera fuerza política en Europa. Y la internacional ultraderechista liderada por el hombre más rico del planeta […] ataca abiertamente a nuestras instituciones, azuza el odio y llama a apoyar a los herederos del nazismo en Alemania. Es un desafío que debería interpelarlos a todos los que creemos en la democracia y en la Constitución. La libertad nunca se conquista de forma permanente. Se puede perder. Puede volver a ocurrir. (El País, 09.01.2025, S. 20)
Darauf wurde eine Reihe von Kommissionen eingerichtet und die geplanten Veranstaltungen vorgestellt. Sánchez legte im Übrigen großen Wert darauf, die populares mit ins Boot zu holen und warb eindringlich um ein gemeinsames Gedenken: „No hace falta ser de izquierdas, ni de centro, ni de derechas para mirar con enorme tristeza y terror los años oscuros del franquismo y temer que ese retroceso se repita. Basta con ser demócrata“ (El País, 09.01.2025, S. 20). Ein kleiner Schattenfiel auf diese Eröffnungsfeier, da König Felipe VI. ‚aus Termingründen‘ nicht anwesend sein konnte. Denn an diesem Tag fand der offizielle Neujahrsempfang für das diplomatische Corps statt. Ohne eine solche Abwägung kritisieren zu wollen, darf man sich schon fragen, ob die eine oder die andere Veranstaltung sich nicht um einen Tag hatte verschieben lassen. Eine Teilnahme des Staatsoberhauptes wäre schon aus symbolischen Gründen ein wichtiges Zeichen gewesen. Eine solche Geste des Gedenkens holte der Monarch jedoch einige Wochen später nach, als er am 10. Februar in Alicante an der Beisetzung von Rafael Altamira teilnahm, eines liberalen Republikaners, den der faschistische Terror ins mexikanische Exil getrieben hat und dessen Leichnam repatriiert wurde. Erstaunlich bleibt, dass es nach Sánchez´ Rede ziemlich still um dieses Thema geworden ist. Weder gab es weitere öffentliche politische Stellungnahmen noch fanden die Vorbereitungen der für November geplanten Veranstaltungen und Gedenkfeiern ein mediales Interesse.
Die Transition war ein ‚Pakt‘, der zwischen den alten franquistischen Eliten und den neuen demokratischen Kräften ausgehandelt wurde und zwei Jahrzehnte lang als ‚alternativlos‘ galt. Eine lange Zeit herrschte, von rechts bis links, das beschwichtigende Narrativ vor, die Demokratie sei nur zu dem Preis von Kompromissen zu haben gewesen (Legalisierung der Kommunistischen Partei gegen eine Generalamnestie für die Täter und ihre Verbrechen). Und man hoffte, die Zeit wurde alle Wunden heilen und eine Versöhnung der politischen Lager herbeiführen. Heute wissen wir, dass die Spaltung der spanischen Politik und Gesellschaft, insbesondere was die Auseinandersetzung mit der historischen Vergangenheit betrifft, tiefer denn je ist. Es ist daher ein großer Verdienst, dass die Geschichtswissenschaft sowie ein zivilgesellschaftliches Engagement in der jüngsten Zeit dazu beigetragen haben, die Transition wesentlich kritischer zu bewerten und die Opfer, die bis Ende der neunziger Jahre weitgehend unbeachtet gelassen wurden, stärker in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu rücken.
Ein Blick auf die Titel und Untertitel von Neuerscheinungen der letzten Jahre (siehe unten angefügte Bibliografie) zeigt neuerdings eine starker revisionistische Bewertung der späten siebziger und frühen achtziger Jahre. Da ist die Rede von „violencia policial“, von „la sombra de Franco“, von einer „democracia amenazada“, einer „transición sangrienta“ oder „oculta“ und „crimenes del estado“. Es wird in diesen Büchern einmal mehr deutlich, dass die Transition alles andere als ‚friedlich‘ war und konfliktreicheren ‚Übergangen‘ in anderen Ländern nicht als nachahmenswert empfohlen werden kann, wie lange Zeit behauptet wurde. Der während der Transition ausgehandelte ‚Kompromiss‘ basierte auf der Prämisse des (Ver)schweigens. Während der beiden sozialistischen Regierungen von José Luis Rodriguez Zapatero (2004 − 2011) und Pedro Sánchez (seit 2020) wurde der Diskurs über ein ‚richtiges‘ Gedenken erweitert. Meilensteine waren die Ley de memoria histórica (2007), die Ley de memoria democrática (2022) und die Exhumierung Francos aus dem Valle de los Caídos und seine Beisetzung auf dem Cementerio de Mingorrubio. Besonders erinnert sei an die Gründung der Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica (2000). Der Verein kämpft seit 25 Jahren
um die landesweite Aufklarung von politischen Morden und Massenhinrichtungen, die die Aufständischen während des Burgerkrieges und danach an den Anhängern der Republik verübt haben. Angesichts der großen Zahl nicht identifizierter Toten fehlen dem Verein jedoch die für die Exhumierungen erforderlichen Mittel. Außerdem weigert sich die ARMH, staatliche Mittel in Anspruch zu nehmen, mit dem Argument, dass es Aufgabe des Staates (und nicht privater Initiativen) sei, solche Exhumierungen vorzunehmen. (Bernecker, 2022, S. 175 − 176)
Ihr Gründer und heutiger Präsident Emilio Silva Barrera hat für diesen Themenschwerpunkt einen Beitrag geliefert. Die vier Beitrage dieses Themenschwerpunkts befassen sich mit zentralen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Diskussionen und Prozessen während der Transition.
Walther L. Bernecker beschäftigt sich ausführlich mit der Frage nach der monarchischen Legitimität. Diktator Francisco Franco wollte für seine Nachfolge in Spanien eine von ihm ‚instaurierte‘ Monarchie nach falangistischen Prinzipien etablieren. Der dynastische Thronerbe Don Juan de Borbon, Vater von Juan Carlos, wollte demgegenüber eine ‚traditionelle‘ Monarchie in seiner Person ‚re‘staurieren. Die Verfassung von 1978 hat schließlich ein Novum in der spanischen Geschichte geschaffen: eine ‚parlamentarische‘ Monarchie. Bernecker diskutiert die verschiedenen Konzepte und skizziert die Machtinteressen, die in der Transition um die Durchsetzung ihrer jeweiligen Vorstellungen kämpften.
Emilio Silva Barrera startet seine fulminante Kritik an der Transition und den Jahrzehnten danach mit einer Analyse von Sánchez´ Rede am 8. Januar 2025, in der er dem Präsidenten unpräzise Aussagen und unverzeihliche Verharmlosungen vorwirft. Es folgt dann eine sehr faktenbasierte Generalabrechnung über das Verhalten aller Regierungen, einschließlich der drei von der Sozialistischen Partei geführten, die es bis heute nicht geschafft hatten, ein Weiterleben des franquistischen Gedankengutes in Politik und Gesellschaft auszumerzen.
Werner Altmann analysiert eine der zentralen gesellschaftlichen Veränderungen, die den Übergang von der Diktatur in die Demokratie in Spanien geprägt hat: den Beginn der LGBT-Bewegung. Nach der strafrechtlichen Verschärfung der antihomosexuellen Gesetzgebung in der Spätphase der franquistischen Diktatur kam es seit 1970 zu ersten Versuchen, vorsichtigen Widerstand zu leisten. Nach dem Tod des Diktators besetzten aktivistische Homosexuelle massiv den öffentlichen Raum und organisierten sich in zahlreichen Vereinen, regionalen und Plattformen und erreichten 1979 schlussendlich eine weitgehende Entkriminalisierung der Homosexualität in Spanien. Don Juan de Borbon, Vater von Juan Carlos, wollte demgegenüber um eine ‚traditionelle‘ Durchsetzung ihrer jeweiligen Vorstellungen kämpfen.
Arno Gimber stellt den spanischen Dramaturgen und Theaterautor José Sanchis Sinisterra (geb. 1940) vor. Der Valencianer versteht sein Werk in Anlehnung an die Ästhetik und das politische Engagement Bert Brechts als Akt des Widerstandes gegen Terror und Diktatur und insbesondere gegen das Verschweigen der franquistischen Verbrechen während der Transition. In einem seiner Hauptwerke „Terror y miseria en el primer franquismo“ stellt er das alltägliche Leben und Leiden der Überlebenden des Bürgerkriegs dar.
Bibliografie
- Ballester, D. (2022). Las otras víctimas. La violencia policial durante la Trancisión (1975 − 1982). Prensas Universitarias de Zaragoza.
- Bernecker, W. L. (2022). Widerstreitende Erinnerungskulturen in einem gespaltenen Land. In: W. L. Bernecker & C. Collado Seidel (Eds.). Spanien heute. Politik − Wirtschaft – KULTUR (S. 171 − 202). Vervuert.
- Bernecker, W. L. & Brinkmann, S. (2011). Kampf der Erinnerungen. Der spanische Bürgerkrieg in Politik und Gesellschaft (1936 − 2010).
- Cortázar, G. (2023). El secreto de Franco. La transición revisitada. Renacimiento.
- Fernández Galeano, J. & Huard, G. (2023). La recuperación de la memoria de las víctimas LGBTI+ durante la Guerra Civil y el franquismo. In: G. Huard & J. Fernández Galeano (Eds.). Las locas en el archivo. Disidencia sexual bajo el franquismo (S. 13 − 36). Marcial Pons.
- Fernández García, M. A. (2025). Pedro Zerolo. Vida y legado de un pionero por los derechos civiles. Planeta.
- Grimaldos Feito, A. & García Ribera, A. (2024). La sombra de Franco en la Transición. El Garaje Ediciones.
- Ingenschay, D. (2022). Offene Rechnungen der Transición in der spanischen Literatur des 21. Jahrhunderts. In: S. Schreckenberg & D. Verdu Schumann (Eds.). Zwischen Aufbruch und Krise. Narrative Auseinandersetzungen mit der spanischen Transición und der deutschen Wende (S. 117 − 135). Universitätsverlag Winter.
- Laiz Castro, C. (2023). La lucha final. Los partidos de la izquierda radical durante la transición española. Catarata.
- Martínez, J. A. (2025). La democracia amenazada.Siete años que cambiaron la historia de España (1975 − 1982). Catedra.
- Portomeñe, C. (2022). Matanza de Atocha y otros crímenes de Estado en Transición. Atrapasuenos.
- Sánchez Soler, M. (2018). La transición sangrienta. Una historia violenta del proceso democrático en España (1975 − 1983). Península.
- Sánchez Tostado, L. M. (2021). La transición oculta. Ni modélica, ni pacífica. Alzumara.
Zum Autor

Werner Altmann absolvierte ein Studium in Germanistik, Hispanistik und Geschichte an den Universitäten in Augsburg und Madrid. Er ist Oberstudiendirektor im Ruhestand, ehemaliges Vorstandsmitglied und heutiges Ehrenmitglied des Deutschen Spanischlehrerverbandes sowie Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zur hispanischen Geschichte, Literatur und Kultur.
