„Die spanischen Homosexuellen während der Transition. Entkriminalisierung, Institutionalisierung und schwindende Militanz“ von Werner Altmann
Der Beitrag beschäftigt sich mit der Entstehung einer Schwulen- und Lesbenbewegung während der Transition in Spanien. Sie verlief in drei Phasen: Ab 1970 kam es zum (noch illegalen) Aufbau von ersten Organisationen und zum Vertrieb heimlich verteilter Publikationen. Nach dem Tod Francos 1975 überrollte eine Welle öffentlichen Coming-outs das Land, bildeten sich feste institutionalisierte Gruppen und Verbände und fand der mehrjährige Kampf für die Abschaffung der franquistischen Antischwulengesetze statt. Die ideologischen Auseinandersetzungen und Brüche untereinander führten bis zur Bildung der ersten sozialistischen Regierung 1982 zu einer starken Diversifizierung der Schwulen- und Lesbenbewegung.
Opposition in der Spätphase des Franquismus
Das franquistische politische System − in inniger Verbundenheit mit den gesellschaftlichen Moralvorstellungen und einer strikt homophoben Haltung der Katholischen Kirche − unterdrückte und verfolgte Personen mit einer nicht binären Genderzuordnung oder einer nicht heteronormativen sexuellen Orientierung. Die franquistische ‚Ideologie‘, die sich aus faschistischen, bürgerlich-reaktionären, militärischen und christlich-katholischen Elementen zusammensetzte, grenzte die ‚Dissidenten‘ durch verbale Tabuisierung und soziale Marginalisierung aus, verfolgte sie aber auch durch polizeiliche Schikanen und mit strafrechtlichen Maßnahmen. Der aus der Republik übernommene Código penal enthielt keine explizite Erwähnung eines homosexuellen Tatbestandes. Auch die 1944 und 1963 erfolgten Änderungen und Ergänzungen änderten nichts daran. Homosexuell aktive Männer konnten − wie zu Zeiten der Republik auch schon − im Rückgriff auf andere Straftatbestände belangt werden: abusos deshonestos (Missbrauch von Mädchen und Jungen unter 12 Jahren), corrupción de menores (sexuelle Handlungen mit Jugendlichen zwischen 12 und 23 (!) Jahren) und escándalo público (Erregung öffentlichen Ärgernisses). Das Militärstrafrecht war hier − aber auch schon vor Franco − wesentlich expliziter und gnadenloser. Es bestrafte actos deshonestos con individuos del mismo sexo mit bis zu sechs Jahren Gefängnis und Entfernung aus dem aktiven Dienst. Eine erstmalige Nennung von Homosexuellen brachte 1954 ein Zusatz in die Ley de vagos y maleantes von 1933, der die Liste der ‚Landstreicher‘, ‚Herumtreiber‘ und sonstigen ‚Gesindels‘ um den Begriff der Homosexuellen erweiterte. Ein Beschuldigter kam jedoch in der Regel nach der Aufnahme seiner Personalien und einer unbequemen Nacht in einer Arrestzelle der Polizei wieder auf freien Fuß.
Als durch die ‚Öffnung‘ des Landes ab den sechziger Jahren viele Spanier[1] als Gastarbeiter mit dem Ausland in Berührung kamen und Zehntausende von europäischen Touristen jährlich ihre Ferien an den sonnigen spanischen Stränden verbrachten, wurde (homo)sexuelles Verhalten in der Öffentlichkeit immer stärker sichtbar und an bestimmten Orten (Torremolinos, Sitges, u. a.) zwar mehr oder weniger geduldet, von den staatlichen Tugendwächtern aber immer mehr als reale Gefahr für die Moral und die ‚guten Sitten‘ angesehen. Als es dann aber zum Aufstand der Schwulen, Lesben und Transsexuellen in den USA kam und sich in der Folge der westeuropäischen Studentenbewegung ein freizügigerer Umgang mit der (Homo)sexualität durchzusetzen begann, erließ der spanische Staat 1970 ein neues, verschärftes Gesetz (Ley de Peligrosidad y Rehabilitación social, LPRS), das ‚Homosexuelle‘ zu deutlich längeren Haftstrafen bis zur Einweisung in so genannte Arbeits- und Umerziehungslager (Tefia auf Fuerteventura, Badajoz an der portugiesischen Grenze, u. a.) verurteilen konnte. Die Diskussion um dieses Gesetz führte zum ersten Mal in der spanischen Geschichte zu einem Aufbegehren und einem vorsichtigen Widerstand.
Als Pioniere gelten die beiden katalanischen Aktivisten Armand de Fluvià und Francesc Francino, die Freunde und Sympathisanten animierten, anonyme Briefe an Abgeordnete, Staatsanwälte und Bischöfe zu schreiben, und darin für die Verhinderung dieses Gesetzes warben. Obwohl dies nicht gelang, konnte man doch einen kleinen Sieg verbuchen: Im endgültig verabschiedeten Gesetzestext wurde das Wort ‚Homosexueller‘ durch ‚Personen, die homosexuelle Akte begehen‘ ersetzt.
Institutionalisierung der Schwulenbewegung
Dieser bescheidene Erfolg motivierte Armand und seinen Mitstreiter Francesc, die sich mittlerweile aus Selbstschutz die Pseudonyme ‚Roger de Gaimon‘ bzw. ‚Mir Bellgai‘ zugelegt hatten, so sehr, dass sie beschlossen, den Kampf für die Befreiung der Homosexuellen aufzunehmen. Die von ihnen noch im gleichen Jahr gegründete Agrupación Homófila para la Igualdad Sexual − 1971 in Movimiento Español de Liberación Homosexual (MELH) umbenannt − war die erste Schwulenorganisation in der spanischen Geschichte. Es war ihm allerdings nur eine kurze Lebensdauer beschieden, während er jedoch einige Fortschritte erzielte. Es sind insbesondere zwei Erfolge zu nennen, die sich die Organisation auf ihre Fahnen schreiben konnte: die Zusammenarbeit auf internationaler Ebene und die Herausgabe der Zeitschrift AGHOIS. Der MELH nahm an Kongressen (zum Beispiel dem ersten Congreso Internacional para los Derechos de los Gais im schottischen Edinburgh) und an Veranstaltungen (wie am Día del Orgullo 1975 in New York, wo Armand stolz ein Plakat mit der Aufschrift España presente entrollte) teil und pflegte weltweite Kontakte mit schwulen Organisationen und Aktivisten. Diese internationale Präsenz war wichtig, um Verbündete im globalen Kampf gegen die Unterdrückung Homosexueller zu gewinnen und das Thema Homosexualität einer größeren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Schwierig gestaltete sich die Verbreitung der Zeitschrift, weil Namen und Adressen der rund achtzig spanischen Abonnenten geheim gehalten werden mussten, die landesweite Verteilung der Zeitschrift unter den wachsamen Augen von Polizei und Geheimdienst gefährlich war, und nicht zuletzt die Anwerbung von Autoren und Mitarbeitern, die ständig der Gefahr einer Verhaftung ausgesetzt waren, immer schwieriger wurde. Mit der 18. Ausgabe stellte AGHOIS sein Erscheinen ein. Das Engagement für den MELH ging aus ähnlichen Gründen zurück, nachdem die Organisation immer stärker ins Blickfeld der franquistischen Sicherheitsbehörden geraten war.
Die zweite Phase der spanischen Schwulenemanzipation begann nach dem Tod des Diktators am 20. November 1975 und mit dem Beginn des politischen Transformationsprozesses von der Diktatur hin zur Demokratie. Dieses Ereignis war für viele zwar ein Signal der Hoffnung, es sollte aber noch einige Jahre dauern bis die wichtigsten Ziele erreicht waren. Ein erster Erfolg bestand in den Jahren 1976 und 1977 darin, dass Schwule und Lesben in der Öffentlichkeit sichtbar wurden. Auf Straßendemonstrationen und bei spontanen Aktionen wurden sie zwar noch oft genug von der Polizei verfolgt, schikaniert und in Arrest genommen, machten aber dadurch die Bürger und Bürgerinnen auf ihre Existenz und Forderungen aufmerksam. Ausgangs- und Schwerpunkt für dieses ‚Aus-dem-Schrank-Kommen‘ (salir del armario, wie es damals hieß) war Katalonien. Hier entstanden auch die frühen Ansätze zur Mobilisierung von Homosexuellen, an der sich auch homo- und heterosexuelle Frauen beteiligten. Vom Oktober 1976 bis Januar 1977 fanden im Kapuzinerkloster von Sarrià vier Treffen statt, auf denen über Organisation, Programm und Ziele eines zu gründenden Verbandes diskutiert und gestritten wurde. Dieser konstituier te sich schließlich als Front d´Alliberament Gai de Catalunya (FAGC). Der FAGC gab sich ein Manifest, in dem die wichtigsten Forderungen thesenartig aufgelistet waren und das bis heute als ‚Gründungsdokument‘ der spanischen Schwulen- und Lesbenbewegung gilt. Man forderte unter anderem die Abschaffung der LPRS und die sofortige Freilassung aller Homosexuellen aus den Gefängnissen und ‚Konzentrations‘lagern. Der FAGC stellte auf der Basis einer marxistischen Gesellschaftsanalyse einen Zusammenhang zwischen politisch-gesellschaftlicher und sexueller Unterdrückung her und strebte die gleichzeitige Überwindung beider an. In ihren Reihen befanden sich sowohl Anhänger von verschiedenen Parteien als auch Transvestiten, Transsexuelle sowie lesbische und heterosexuelle Frauen verschiedener feministischer Organisationen. Ein derart breit und heterogen aufgestelltes Bündnis organisierte in Barcelona die erste, noch illegale, Massendemonstration, die den Beginn für die später jährlich stattfindenden Paraden zum Día del Orgullo (in Deutschland als Christopher Street Day bekannt) bedeuteten. Nach dem Vorbild des front und mit dessen tatkräftiger Unterstützung entstanden bald ähnliche Organisationen in ganz Katalonien, die wiederum zum Vorbild für das restliche Spanien wurden. Während auf den Straßen die Demonstranten von der Polizei verprügelt und für ein oder zwei Nächte in Gewahrsam genommen wurden, schossen Dutzende Plattformen, Diskussionszirkel sowie lokale und regionale Verbände wie Pilze aus dem Boden. Viele von ihnen bestanden nur kurze Zeit und verschwanden sehr schnell wieder von der Bildfläche, andere schlossen sich zu größeren Dachverbänden zusammen; einige existieren noch heute, haben sich neue Namen gegeben und ihre Ziele den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen angepasst. Trotz unterschiedlicher politischer und ideologischer Ausrichtung kooperierten sie im Kampf für die Abschaffung der franquistischen LPRS aus dem Jahr 1970, die homosexuell aktive Männer zu Straftätern werden ließ.
Reform der Strafgesetzgebung
Der Stein kam am 21. September 1977 ins Rollen, als die Sozialistische Partei im demokratisch neu gewählten Parlament einen Gesetzesentwurf zur Reform der LPRS einbrachte. Er sah Straflosigkeit für die in Artikel 2 genannten Personengruppen vor: Personen, die die Normen des sozialen Zusammenlebens und der guten Sitten verletzten (Absatz 9), aufmüpfige, moralisch verkommene oder ohne Familie lebende Jugendliche unter 21 Jahren (Absatz 14) und Personen, die zu kriminellen Handlungen neigten (Absatz 15). Von den Homosexuellen war keine Rede. Es war der Kommunistischen Partei zu verdanken, dass sie am 10. Februar 1978 einen Gesetzeszusatz (enmienda) forderte, der auch die Personen einschloss, „die homosexuelle Handlungen ausübten“ (Absatz 3). Die Abgeordneten des zuständigen Ausschusses gaben am 20. November (auf den Tag genau drei Jahre nach Francos Tod) grünes Licht und das Plenum stimmte am 13. Dezember mit deutlicher Mehrheit für die Gesetzesreform, so dass sie am 30. Januar 1979 in Kraft treten konnte. Zwar kamen anschließend auch die homosexuellen Insassen aus den Gefängnissen frei, es gab jedoch weder eine Entschädigung der Opfer noch wurden die polizeilichen Ermittlungsakten gelöscht. Die Eliminierung homosexueller ‚Vergehen‘ kam erst später Schritt für Schritt zustande. Die LPRS wurde als Ganzes erst 1995 abgeschafft, die diskriminierenden Polizeiprotokolle wurden mittlerweile für die historische Forschung und Aufarbeitung freigegeben.
Die Visibilisierung in der Öffentlichkeit, die fortschreitende Institutionalisierung und die richtige und notwendige Reform der LPRS waren wichtige Stationen auf dem Weg zu einer vollständigen Emanzipation, die allerdings aufgrund zweier negativer Umstände auf Jahre hinaus blockiert blieb: die in der spanischen Gesellschaft und Politik grassierende Homophobie gehörte nach dem entscheidenden legislativen Akt keineswegs der Vergangenheit an. Im Gegenteil: Die zunehmende öffentliche Sichtbarkeit und Präsenz der LGBTIQ-Community schien schwulenfeindliche Äußerungen bei rechten und linken Politikern in gleicher Weise geradezu anzuspornen. Die zweite negative Entwicklung beginnt mit der Spaltung der LGTBIQ-Bewegung als Motor und treibende Kraft zur Überwindung von Vorurteilen und Ressentiments in der spanischen Gesellschaft.
Distanzierungen und Brüche
In den frühen Jahren der Transition kämpfte man noch gemeinsam. Schwule Männer sowie lesbische und heterosexuelle Frauen (und selbst linke heterosexuelle Männer) trafen sich auf gemeinsamen Demonstrationen und Veranstaltungen und organisierten zusammen Plattformen und Diskussionszirkel. Die ideologischen und politischen Differenzen, die von Anfang an latent unter den aktivistischen Gruppen vorhanden waren, sind zwar durch die Erfolge in den ersten Jahren der Transition in den Hintergrund getreten, brachen sich aber nach 1979 mit voller Wucht Bahn. Als erstes zeigten sich die ideologischen Differenzen zwischen den drei verschiedenen Strömungen innerhalb der LGTBIQ-Bewegung, die als ‚reformistisch‘, ‚radikal‘ und ‚revolutionär‘ bezeichnet worden sind. Die gemäßigten, eher konservativen ‚Reformisten‘ gaben sich mit den positiven gesetzlichen Veränderungen weitestgehend zufrieden und wollten sich in den neuen demokratischen Staat möglichst geräuschlos integrieren. Die ‚Radikalen‘ setzten sich als Ziel, das ganze heteronormative System (binäres Geschlechtermodell, Festlegung sexueller Identitäten) zu unterminieren und, wie man bald zu sagen pflegte, einen „queeren“ Lebensstil für alle heterodoxen Gruppen zu kreieren. Die ‚Revolutionäre‘ hingegen verbanden die sexuelle mit einer grundlegenden politischen und gesellschaftlichen Revolution. Nur in einer antikapitalistischen, neuen und freien Gesellschaft könne auch eine sexuelle Revolution erfolgreich sein, in der eine ‚Verschwulung‘ aller Lebensbereiche möglich ist. Die ersten ideologischen und organisatorischen Differenzen führten aber zunächst im Lager der Frauen zum Bruch. Auf ihren zweiten Jornadas, die im Mai 1979 in Granada stattfanden, kam es zum offenen Streit unter den anwesenden Frauen. Die zwei entscheidenden Bruchstellen waren die Frage der so genannten doble militancia und in diesem Zusammenhang der Kampf zwischen ‚Gleichheits-Feministinnen‘ und den Anhängerinnen einer so genannten ‚Differenz-Theorie‘. Ein Teil der Frauen trat dafür ein, einerseits Mitglied in Frauenorganisationen zu sein, sich aber andererseits auch in Parteien und Gewerkschaften aktiv engagieren zu können. Ihr Ziel war es, eine vollständige Gleichstellung mit den Männern herzustellen, um so gesellschaftliche Barrieren zwischen den Geschlechtern zu überwinden. Dieses Ziel, so glaubten die ‚Gleichheits-Feministinnen‘, könne nicht allein durch aktive Mitarbeit in reinen Frauenorganisationen erreicht werden, sondern müsse gleichzeitig auch in der Zusammenarbeit mit Männern erkämpft werden. Ein anderer Teil der Frauen misstraute den patriarchalisch strukturierten Parteien und wollte ihre Anliegen nur in feministischen Organisationen verhandelt wissen. Dabei betonten sie den grundsätzlichen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Kurz gesagt: sie forderten das Recht, ‚anders‘ und nicht ‚gleich‘ wie die Männer zu sein. Ihre Interessen lagen dabei mehr auf Themen wie ‚weibliche Sexualität‘ und ‚Kampf gegen männliche Herrschaftsansprüche und Gewalt‘. Die rund 3000 Frauen, die nach Andalusien gereist sind, konnten den Streit nicht beilegen und verließen ohne gemeinsame Resolution die Veranstaltung. Es war in gewisser Weise auch eine Differenzierung zwischen heterosexuellen und lesbischen Frauen, da naturgemäß die heterosexuellen Frauen eher im Lager der ‚Gleichheits-Feministinnen‘, homosexuelle Frauen sich leichter mit der ‚Differenz-Theorie‘ anfreunden konnten.
Als der Druck einer strafrechtlichen Verfolgung vorbei war, kam es auch zu einer deutlichen Entfremdung zwischen schwulen Männern und lesbischen Frauen. Diese waren in den ersten Jahren wie selbstverständlich in schwulen Männergruppen aktiv, beteiligten sich an Demonstrationen und waren, trotz der im Vergleich mit den Männern deutlich geringeren Zahl, zum ersten Mal in der Öffentlichkeit sichtbar. Ab Ende der 70er Jahre fühlten sich viele dort aber zunehmend unwohl und oft nicht für ernst genommen. Vor allem störte sie ein offensichtlich auch unter Schwulen weit verbreiteter machismo. Sie suchten deshalb Anschluss bei den feministischen Gruppen, was dort aber auch nicht immer auf Gegenliebe stieß. Die unterschiedlichen Interessen und Zielsetzungen, nicht zuletzt auch verschiedene Sozialisationen und persönliche Prägungen schufen mehr Trennendes als Verbindendes unter den Frauen. Hinzu kam die Angst bei vielen heterosexuellen Frauen, mit den Lesben in einen Topf geworfen zu werden. Das führte ab den frühen achtziger Jahren zur Gründung eigener lesbischer Organisationen, die aber bis heute nicht die öffentliche Präsenz und Aufmerksamkeit gefunden haben wie die Feministinnen, die seit einem Jahrzehnt zu einem entscheidenden politikbestimmenden Faktor in den linken Parteien geworden sind.
Nach Jahrhunderten eines Verschweigens der ‚stummen Sünde‘ (pecado nefando) und einer gesellschaftlichen Ausgrenzung und Marginalisierung hatte die plötzliche öffentliche Präsenz auch deutliche Auswirkungen auf das Verhältnis von homosexuellen Männern und Frauen mit der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft. In allen demokratischen Parteien, die sich neu bildeten oder aus dem Exil zurückkehrten und legalisiert wurden, kam es zu einer zunehmenden, auch öffentlich geäußerten Homophobie: in der ultrarechten Alianza Popular (AP), in der sich die alten franquistischen Eliten versammelten, und in der ebenfalls neu gegründeten konservativen Unión de Centro Democrático (UCD) erwartungsgemäß am stärksten, aber auch im sozialistischen Partido Socialista obrero español (PSOE), am wenigsten ausgeprägt bei den Kommunisten.
Ausblick
Die LGTBIQ-Bewegung in Spanien entpolitisierte und entsolidarisierte sich mit Beginn der 80er Jahre. Während der Ära des felipismo, wo der Partido Socialista Obrero Español (PSOE) unter Führung von Felipe González von 1982 bis 1996 mit absoluter Mehrheit regieren konnte, kam es zu keiner nennenswerten Weiterentwicklung der Schwulenemanzipation. Das zwiespältige Verhältnis zwischen ‚Bewegung‘ und Staat wurde während der AIDS-Pandemie sichtbar. Der Ausbruch der Immunschwächekrankheit, in Spanien SIDA (Síndrome de inmunodeficiencia adquirida) genannt, führte in weiten Teilen der Bevölkerung zunächst zu einem neuen Ausbruch von Homophobie gegen die „perversen“ und „promisken“ Schwulen, während die Politik und die Medien das Thema herunterspielten und lieber über die Saunen in San Francisco und die Strände auf Haiti verwies. Erst als sich zeigte, dass die als „Schwulenkrebs“ bezeichnete Krankheit nicht auf die Gruppe homosexueller Männer beschränkt werden kann, sondern sich damit auch Bluter, Drogenabhängige, Bisexuelle und Prostituierte in Massen ansteckten, kam es zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen dem staatlichen Gesundheitsministerium und den Homosexuellenorganisationen in der AIDS-Prävention (Medikamentenentwicklung, medizinische Forschung, Aufklärungsarbeit).
Während der konservativen Regierungen von José María Aznar (1996–2004) und Mariano Rajoy (2011–2018) kam es zwar zu keinem grundsätzlichen roll back, wie viele befürchtet hatten, jedoch zu einem Stillstand weiterer emanzipatorischer Schritte. Die Ausarbeitung einer Ley de Parejas de hecho (Gesetz über eingetragene Lebenspartnerschaften) wurde verschleppt. Man argumentierte mit verfassungsrechtlichen Bedenken gegen das mit dem Gesetz verbundene Adoptionsrecht und befürchtete eine betrügerische Ausnutzung zur Erlangung der spanischen Staatsbürgerschaft. Während Aznars zweiter Amtszeit, wo der Partido Popular mit absoluter Mehrheit regieren konnte, kam es zu einer deutlich verschärften LGBTIQ-feindlichen Politik. Als im Juli 2002 die Anerkennung der Asociación Internacional de Lesbianas y Gays (ILGA) als konsultatives Mitglied des Comité de ONGs (Komitee der Nicht-Regierungs-Organisationen) bei den Vereinten Nationen erfolgen sollte, stimmte Spanien als einziges europäisches Land gegen die Aufnahme. Spanien stand damit an der Seite des Iran, Nigerias und des Vatikans.
In den zwei vom PSOE angeführten Regierungen kam es dagegen zu einer weiteren Ausweitung der LGTBIQ-Rechte, die einerseits neue Gruppen, die bisher eher ein Schattendasein führten, in den Emanzipationsprozess eingliederte und andererseits die Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe vergrößerte. Die PSOE-Regierung unter José Luis Rodríguez Zapatero (2004–2011) bekam ein halbes Dutzend wegweisender Gesetze durch das Parlament, die nicht nur die LGTBIQ-Rechte betrafen, sondern auch die der Frauen und Immigranten sowie eine Ley de Memoria Histórica, die an die Verbrechen im Bürgerkrieg und während der franquistischen Diktatur erinnerte und ihre immer noch sichtbaren Spuren in der Öffentlichkeit zu eliminieren versuchte. Den größten Erfolg für die LGBTIQ-Community brachte aber die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Obwohl das Gesetz zügig und mit der notwendigen parlamentarischen Mehrheit zu Beginn der zweiten Amtszeit von Rodríguez Zapatero in Kraft trat, kämpfte die Opposition mit allen Mitteln gegen seine Anwendung. Der Consejo de Estado, dessen Stellungnahme eingeholt werden musste, erhob Einwände, konservative Richter weigerten sich – rechtswidrig (!) – das neue Gesetz anzuwenden und der Partido Popular reichte Verfassungsklage ein. Der rechte Widerstand brach erst nach Jahren zusammen, als in wiederholten Umfragen rund zwei Drittel der spanischen Bevölkerung eine gleichgeschlechtliche Ehe befürworteten und die Verfassungsklage 2012 (!) mit acht gegen drei Stimmen zurückgewiesen wurde.
In den letzten Jahren führten die ergriffenen legislativen Maßnahmen unter der Koalitionsregierung von Pedro Sánchez (seit 2020) zwischen den dem PSOE nahestehenden ‚traditionellen‘ Feministinnen und den jüngeren Podemos-affinen Frauen zu einem Zerwürfnis. Der Streit zwischen Gleichstellungsministerin Irene Montero und der sozialistischen Vizepräsidentin Carmen Calvo über die Ley de Violencia Sexual endete nur wegen des bevorstehenden Frauentages in einem Minimalkonsens. Andere Streitpunkte waren der Umgang mit der Prostitution, das juristische Vorgehen gegen machistische Gewalt und die Liberalisierung des Transgender-Gesetzes. Erst die zweite Koalitionsregierung (ab 2024) mit der Sammelpartei Sumar und der weitgehenden Entmachtung von Podemos führte zu einer gewissen Entspannung.
Endnoten
[1] Im Text wird das generische Maskulinum verwendet. Damit sind Personen aller Geschlechter gemeint.
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Zum Autor

Werner Altmann absolvierte ein Studium in Germanistik, Hispanistik und Geschichte an den Universitäten in Augsburg und Madrid. Er ist Oberstudiendirektor im Ruhestand, ehemaliges Vorstandsmitglied und heutiges Ehrenmitglied des Deutschen Spanischlehrerverbandes sowie Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zur hispanischen Geschichte, Literatur und Kultur.



