von Philipp Klipstein · Veröffentlicht auf https://confluencias.hypotheses.org/ am 19/02/2026 · Aktualisiert am 03/03/2026

Warum „Leo, leo… ¿Qué lees?“ mehr als nur ein netter Wettbewerb ist – und was ich als Lehramtsstudent daraus gelernt habe.

Vorlesen in einer Fremdsprache? Das soll eine Kunst sein? Was für Außenstehende zunächst abstrakt wirken kann, offenbart sich beim genaueren Hinschauen als eine Goldgrube für die Lesekompetenz von Lernenden, für die spanische Fachdidaktik und für all jene, die an einem interkulturellen Austausch interessiert sind. Beim Finale des spanischsprachigen Vorlesewettbewerbs „Leo, leo… ¿Qué lees?“ hatte ich die Möglichkeit, nicht nur als Zuschauer, sondern gleich als teilhabender Akteur vor Ort zu sein – dabei bin ich zu interessanten Erkenntnissen gekommen.

Fremdsprachliche Vorlesewettbewerbe – Wer braucht denn sowas?

Die Fähigkeit des Lesens erscheint auf den ersten Blick wie eine absolute Selbstverständlichkeit, über die nahezu alle Menschen über dem Alter von sieben Jahren verfügen, und kaum als eine Sache, die wir auch nur annähernd als etwas Besonderes bezeichnen würden – so zumindest in der westlichen, alphabetisierten Welt, in der wir leben. Dementsprechend haben viele Leute vermutlich ein großes Fragezeichen im Kopf, wenn sie darüber nachdenken, was der Sinn eines Vorlesewettbewerbs sein könnte. Wieso sollte es einen Wettbewerb geben – so, wie beispielsweise beim Schwimmen, Rennen oder Bogenschießen – bei dem Schüler*innen gegeneinander antreten, um zu beweisen, dass sie gut lesen können? Inwiefern ist es eine außergewöhnliche oder honorable Leistung, wenn Schüler*innen – im Falle des Leo, leo… ¿Qué lees? wohlgemerkt des Gymnasialzweigs der weiterführenden Schule – dazu in der Lage sind, einen Text vorzulesen? Das sind Fragen, die sich stellen ließen, wenn man an das Konzept eines Vorlesewettbewerbs denkt. Wenn man diesen Skeptiker*innen dann aber erläutert, dass das Vorlesen in einer Fremdsprache erfolgt, sogar auf der zweiten Fremdsprache, und ihnen darüber hinaus noch erklärt, was zum guten Vorlesen alles dazugehört, dann merken die meisten recht schnell, dass die besagte Leistung doch gar nicht so simpel ist, wie man zunächst annehmen könnte, sondern etwas, das durchaus ein gewisses Talent und Können erfordert. Genau das ist es, worum es beim großen, hessenweiten Finale des spanischsprachigen Vorlesewettbewerbs Leo, leo… ¿Qué lees? ging, das am neunzehnten Mai 2025 im Instituto Cervantes in Frankfurt am Main stattgefunden hat. Erfreulicherweise war es mir zu besagter Veranstaltung nicht nur möglich, als Zuschauer das Geschehen zu observieren, tatsächlich ergab sich mir die Möglichkeit, aktiv an der Austragung und Programmdurchführung der Events mitzuwirken. Bevor ich darauf näher eingehe, widmen wir uns jedoch erstmal der folgenden Frage:

Leo, leo… ¿Qué lees? – Was ist das überhaupt?

Leo, leo… ¿Qué lees? ist ein spanischsprachiger Vorlesewettbewerb, dessen Ursprung in einer Bildungsinitiative der Hessenwaldschule in Weiterstadt liegt. Nachdem es in Deutschland bereits eine langjährige Tradition war, in der Klassenstufe sechs einen deutschsprachigen Vorlesewettbewerb zu veranstalten, fand sich an der in einem idyllischen Waldgebiet gelegenen Mittelstufenschule in Südhessen eine kleine Gruppe von Lehrkräften zusammen, die sich dazu berufen sah, eine neue Bildungsinitiative auf die Beine zu stellen, die das Erlernen der spanischen Sprache in Hessen fördern würde. Angeführt von der Projektinitiatorin Celia Cid Sánchez, einer aus Madrid stammenden Spanischlehrerin, die bereits seit über dreißig Jahren in Deutschland lebt und hier unterrichtet, kam die Projektgruppe auf die Idee, sich am bereits bestehenden deutschsprachigen Konzept zu orientieren und einen Vorlesewettbewerb für die spanische Sprache ins Leben zu rufen. In den Worten der Initiatorin bestand in diesem Bereich nämlich „un vacío de iniciativas que reforzaran el aprendizaje de la lengua española“ (Cid Sánchez 2025). Um dem entgegenzuwirken, entschied man sich dazu, den Wettbewerb, der vorerst lediglich schulintern stattfand, im Jahre 2012 auf eine landesweite Ebene für das Bundesland Hessen auszuweiten. Nach einer anfänglichen Testphase erhielt das Projekt 2015 staatliche Unterstützung durch das hessische Kultusministerium und ist seitdem Teil des offiziellen Netzwerks der Schulwettbewerbe in Hessen (Cid Sánchez 2025). Spätestens seit diesem Zeitpunkt hat sich der Wettbewerb landesweit einen Namen gemacht und stark an Relevanz hinzugewonnen. Besonders die mit ihm einhergehende „fácil organización del concurso en la clase de español“ (Cid Sánchez 2025) hat dazu geführt, dass die Projektinitiative darüber hinaus auf überregionaler Ebene bekannt geworden ist und mittlerweile viele andere Bundesländer das Konzept übernommen haben. Seit diesem Jahr besteht sogar die Möglichkeit, an einem übergeordneten nationalen Finale aller mitmachenden Bundesländer teilzunehmen.

Die Finalveranstaltung

Das Finale begann um 9:00 Uhr morgens des Veranstaltungstages. Spanischlernende Schüler*innen aus ganz Hessen sowie deren Lehrkräfte nahmen hierfür teilweise sehr weite Anreisen auf sich – bis zum im Herzen von Frankfurt gelegenen Instituto Cervantes. Dort angekommen eröffnete die Koordinatorin Celia Cid Sánchez gemeinsam mit ihrer Kollegin Alicia Feregrino-Langer, ebenfalls muttersprachliche Spanischlehrkraft in Hessen, die Veranstaltung und bis 9:45 Uhr hatten sämtliche anwesenden Ehrengäste die Möglichkeit, eine kurze Rede zu halten. Hierzu zählten Dr. Ferrán Ferrando (Institutsleiter des Cervantes), Brigitte Hirschler (Referatsleiterin der Stiftungen und Wettbewerbe des Hessischen Kultusministeriums), Dr. Rafael Bonete (Mitarbeitender der spanischen Botschaft in Berlin), María Cruz Marcos Nieto (Angestellte bei der Comunidad Autónoma de Castilla y León) sowie einige weitere “VIPs” –  wie sie während der Veranstaltung liebevoll genannt wurden –, die allesamt aus den Bereichen der Bildung, der Kultur und der Diplomatie des deutsch-spanischen Kontexts stammten. Inhaltlich waren sich alle Reden tatsächlich ziemlich ähnlich. Hauptsächlich ging es darum, was für eine tolle Sache es sei, Spanisch als Fremdsprache zu erlernen und wie schön es sei, dass es hierfür so viele Interessent*innen gebe. Nachdem besagtes Zeremoniell rund um die Ehrengäste – meiner Meinung nach ein ziemliches Brimborium –  abgeschlossen war, ging es nun endlich um das, wofür sich alle eigentlich im spanischen Kulturinstitut eingefunden hatten.

Das Vorlesen

Als erstes waren alle Schüler*innen der Kategorien A1 und A2 an der Reihe. Eine Kommilitonin und ich – wir beide gut mit der Organisatorin vertraut – wirkten bei der Veranstaltung mit und fungierten als organisatorische Unterstützer*innen während der gesamten Ablaufs. Als erstes gingen wir durch die Sitzreihen und losten die Reihenfolge der vorlesenden Schüler*innen aus. Diese hatten sich zuvor in schulinternen und regionalen Runden gegen ihre Mitbewerbenden durchgesetzt und sich somit für das landesweite Finale qualifiziert. Zum Vorlesen standen drei bis fünf verschiedene Texte zur Auswahl, auch diese wurden wieder unter den Lesenden ausgelost und stammten aus verschiedenen Lehrwerken für Spanisch als Fremdsprache. Nachdem alle Schülerinnen und Schüler vorgelesen hatten, gab es eine Pause und eine Jury, die sich hauptsächlich aus muttersprachlichen Personen des Diplomatie- und Bildungssektors zusammensetzte, debattierte darüber, wer von den Teilnehmenden am besten vorgelesen hatte. Nach der Pause erschien Dr. Manuel Lösel (Staatssekretär des Hessischen Kultusministeriums) und hielt eine Rede, in der auch er noch ein weiteres Mal die Vorteile der Fremdsprachenbeherrschung hervorhob. Im Anschluss daran ereignete sich dasselbe Verfahren nochmal, diesmal für all jene Lesenden der Kategorien B1 und B2. Alle Teilnehmenden erbrachten meiner Meinung nach großartige Leseleistungen, weswegen sie in der anschließenden Preisverleihung auch zurecht niemand leer ausging. Durch diverse Sponsoren wie Lehrwerkverlage, den Deutschen Spanischlehrkräfteverband oder die Generalkonsulate spanischsprachiger Länder war es möglich, den Teilnehmenden tolle Preise wie Bücher oder andere Goodies zu überreichen, auch bei dieser Preisverleihung konnte ich aktiv mitwirken. Im Rückblick auf die Veranstaltung beschäftig mich nun jedoch vor allem folgende Frage:

Was habe ich aus der Aktivität mitgenommen?

Anhand der Eindrücke, die ich dort sammelte, konnte ich mit eigenen Augen sehen, wie vorteilhaft es für die Lesekompetenz von Schüler*innen sein kann, an einem solchen Wettbewerb teilzunehmen. Gerade für mich als angehender Lehrer ist das besonders interessant und auch der Grund, weswegen ich diese Veranstaltung als Thema für diesen Blogartikel ausgewählt habe. Insbesondere interessiert mich hierbei, was der didaktische Nutzen ist, der sich hinter einem Vorlesewettbewerb verbirgt. Auch wenn es natürlich verschiedenste Fachliteratur zu genau diesem Thema gibt, die sich für eine weitere Vertiefung eignen, habe ich besonderes Interesse an einem auf einer Studie basierenden Artikel namens “Auf dem Weg zu einer Didaktik des Vorlesens” aus dem Jahr 2018 von Gloria Littwin. Littwin (2018) kommt darin zu dem Schluss, dass viele schulische Vorlesesituationen nicht die gewünschte Wirkung erzielen. Für die Lesefähigkeit sei es sehr von Nutzen, wenn Schüler*innen aktiv an ihren Lesekompetenzen wie Mimik, Intonation, Betonung, Tempo oder Gestik arbeiten und diese Fähigkeiten reflektieren (Littwin 2018). Genau diese werden auch bei Vorlesewettbewerben angeregt. Sie bringen Schüler*innen dazu, sich selbst zu analysieren und eine gezielte Verbesserung ihrer Leseperformanz anzustreben. Aus der Perspektive einer Lehrperson ist die Austragung eines Vorlesewettbewerbs also eine sehr geeignete fachdidaktische Methode, um positiv auf die Lernprozesse seiner Schüler*innen einzuwirken. Was denke ich also abschließend von der Erfahrung?

Mein Fazit

Ich bin der Meinung, dass fremdsprachliche Vorlesewettbewerbe eine eindeutige Bereicherung für die daran teilnehmenden Schüler*innen sind. Sie motivieren die Lernenden und tragen erwiesenermaßen positiv zur Steigerung ihrer Lesekompetenz bei. Des Weiteren fördern sie immer gleichzeitig auch einen interkulturellen Austausch und regen die Teilnehmenden dazu an, sich intensiv mit der Zielsprache und deren Kultur beschäftigen. Aus diesen Gründen würde ich jedem – jedoch besonders angehenden Lehrkräften – empfehlen, im kommenden Jahr als Zuschauer an der nächsten Finalveranstaltung im Instituto Cervantes teilzunehmen und sich selbst ein Bild von dem zu machen, was es für Lernende bedeutet, an einem Vorlesewettbewerb teilzunehmen. Sehr gespannt bin ich schon jetzt auf alle Blogeinträge, die Ihr, liebe Leser*innen, zu besagtem Thema verfassen werdet. Ich freue mich auf einen anregenden Austausch, bedanke mich fürs Lesen und sage: Bis zum nächsten Mal!

~ Philipp Klipstein

Original: Fremdsprachliches Vorlesen. Eine unterschätzte Kunst? – confluencias

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